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Streit zwischen Südkorea & Ukraine könnte Russland in die Hände spielen

3 weeks ago 1

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Südkorea und Ukraine

Der Streit eskaliert an mehreren Fronten


Aktualisiert am 10.10.2026 - 09:45 UhrLesedauer: 5 Min.

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Wolodymyr Selenskyj (l.) und Südkoreas Präsident Lee Jae Myung beim Nato-Gipfel in Ankara (Archivbild): Zwischen Seoul und Kiew ist ein diplomatischer Streit entbrannt. (Quelle: IMAGO/Yonhap News/imago)

Südkorea und die Ukraine waren bislang wichtige Partner, nicht zuletzt wegen der militärischen Zusammenarbeit zwischen Russland und Nordkorea. Nun steigen die Spannungen zwischen Seoul und Kiew. Die Gründe sind vielfältig.

Eigentlich verbindet Südkorea und die Ukraine ein gemeinsames Sicherheitsproblem: Nordkorea. Einerseits unterstützt das weitgehend abgeschottete Land Russland im Krieg gegen die Ukraine. Andererseits ist Seoul die zunehmend enger werdende militärische Zusammenarbeit zwischen Moskau und Pjöngjang ein Dorn im Auge. Denn die beiden koreanischen Staaten sind seit Jahrzehnten verfeindet. Der Koreakrieg endete 1953 lediglich mit einem Waffenstillstand, ein Friedensvertrag wurde nie geschlossen.

Ausgerechnet Nordkorea hat Südkorea und die Ukraine jetzt in eine diplomatische Krise gestürzt.

Seoul hat am Donnerstag angekündigt, seinen Botschafter aus der Ukraine zurückzurufen. Das Außenministerium in Südkorea bezeichnete den Schritt ausdrücklich nicht als Abbruch der Beziehungen, der diplomatische Austausch mit Kiew solle fortgesetzt werden. Der Rückruf eines Botschafters ist dennoch ohne Zweifel ein deutliches diplomatisches Signal. Der Streit ist innerhalb weniger Wochen gleich an mehreren Fronten eskaliert. Wie konnte es dazu kommen?

Es begann mit zwei Gefangenen

Begonnen hatte die Auseinandersetzung mit zwei nordkoreanischen Soldaten. Ukrainische Truppen nahmen die Männer Anfang 2025 in der russischen Region Kursk gefangen. Dort kämpften sie auf russischer Seite und äußerten später den Wunsch, nach Südkorea überstellt zu werden.

Mitte September kamen sie schließlich dort an. Öffentlich bekannt wurde das allerdings erst am 23. September, als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Überstellung in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung erwähnte.

In Seoul stieß die öffentliche Verkündung auf Empörung. Präsident Lee Jae Myung erklärte, dass beide Seiten vereinbart hätten, den Vorgang vertraulich zu behandeln. Nach Darstellung der südkoreanischen Regierung sollte damit insbesondere die Sicherheit der Soldaten und ihrer in Nordkorea lebenden Angehörigen geschützt werden.

Kiew widersprach zunächst. Eine entsprechende Geheimhaltungsvereinbarung habe es nicht gegeben, hieß es aus dem ukrainischen Präsidialamt. Doch das Außenministerium ruderte später teilweise zurück: Es sprach von unterschiedlichen Interpretationen der Vereinbarung. Außenminister Andrij Sybiha übermittelte seinem südkoreanischen Kollegen Cho Hyun schließlich eine Nachricht, die nach dessen Angaben auch eine Entschuldigung enthielt.

Seoul reichte das nicht. Die Entschuldigung entspreche nicht dem, was seine Regierung erwartet habe, erklärte Cho. Präsident Lee hatte zuvor bereits weitere Maßnahmen angedroht, sollte die Ukraine die südkoreanische Darstellung nicht anerkennen.

Nun folgt der Rückruf des Botschafters.

Plötzlich geht es auch um Russland

Der Streit wäre schon für sich genommen ungewöhnlich. Doch in dieser Woche kam ein zweiter Konflikt hinzu: Eine Auswertung des britischen "Guardian" von Hafendaten und Schiffsbewegungen ergab, dass im Juli und August mehr als 176.000 Tonnen Erdölprodukte aus südkoreanischen Häfen nach Russland gelangten, hauptsächlich handelte es sich dabei um Diesel. Sieben Tanker machten demnach 14 Fahrten nach Russland. Drei der Schiffe stehen unter westlichen Sanktionen.

Brisant ist das auch in Anbetracht von Kiews Strategie im Krieg gegen Russland: Angriffe auf die russische Ölinfrastruktur, um die Wirtschaft zu schwächen. Ukrainische Drohnen hatten zuvor wiederholt russische Raffinerien attackiert und damit die Treibstoffproduktion erheblich gestört. Russland musste seine Importe daraufhin stark erhöhen.

Im August kamen nach Daten des Analyseunternehmens Kpler 112.000 Tonnen der auf dem Seeweg nach Russland eingeführten Ölprodukte aus südkoreanischen Häfen. Das sind rund 31 Prozent der russischen Importe des Monats. Nur Indien lieferte mehr.

Mindestens drei der eingesetzten Tanker stehen nach Angaben des "Guardian" unter britischen und europäischen Sanktionen: "Layla", "Astoria" und "Chongchon". In mehreren Fällen gaben Schiffe zunächst andere Ziele an: Ein Tanker meldete etwa Japan als Bestimmungsort, fuhr später aber die russische Großstadt Wladiwostok an. Ein anderes Schiff übernahm seine Ladung auf See vor Südkorea und gab zunächst Singapur als Ziel an.

Wer den Treibstoff besaß oder verkaufte, geht aus den ausgewerteten südkoreanischen Hafenunterlagen allerdings nicht hervor.

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Kiew greift Seoul offen an

Für die Ukraine war damit dennoch eine rote Linie überschritten. Selenskyjs Sanktionsberater Wladyslaw Wlasjuk warf Südkorea vor, mit den Lieferungen dazu beigetragen zu haben, die Folgen der ukrainischen Angriffe auf Russlands Raffinerien abzumildern. Dies stehe im Widerspruch zu Seouls Sanktionspolitik.

Südkorea wies den Vorwurf scharf zurück. Das Präsidialamt erklärte, das Land setze seine Sanktionen und Exportkontrollen gegen Russland konsequent um. Die Regierung wolle die Schiffsbewegungen prüfen und werde handeln, sollte sie Verstöße gegen südkoreanisches Recht feststellen.

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Der Hintergrund: Handelsübliche Erdölprodukte fallen nach Angaben der südkoreanischen Regierung nicht unter ihre Exportkontrollen gegen Russland. Seoul erklärte zudem, in den offiziellen Zollstatistiken seien seit 2025 keine direkten Ausfuhren von Diesel, Benzin oder Kerosin nach Russland registriert worden. Allein die Verladung in einem südkoreanischen Hafen sei daher noch kein Verstoß gegen südkoreanisches Recht.

Das ändert nichts daran, dass das Bekanntwerden der Schiffsrouten politisch verheerend für die Beziehung zwischen Seoul und Kiew ist: Während die Ukraine versucht, Russlands Treibstoffversorgung mit Drohnenangriffen zu treffen, fahren Tanker mit in Südkorea geladenem Diesel nach Russland. Auch Schiffe, die westliche Partner Seouls auf ihre Sanktionslisten gesetzt haben.

Zwei Partner mit unterschiedlichen Interessen

Dass der Konflikt so schnell eskaliert, liegt auch daran, dass Südkorea und die Ukraine trotz ihres gemeinsamen Gegners unterschiedliche Ziele verfolgen.

Seoul unterstützt die Ukraine seit Beginn der russischen Invasion mit humanitärer Hilfe und nicht-tödlicher militärischer Ausrüstung, hat direkte Waffenlieferungen aber bislang vermieden. Gleichzeitig versucht die Regierung von Lee Jae Myung, Gesprächskanäle nach Nordkorea offenzuhalten und unnötige Spannungen auf der koreanischen Halbinsel zu vermeiden. Auch mit Moskau hält Seoul diplomatischen Kontakt.

Für die Ukraine bleibt Südkorea dennoch ein wichtiger potenzieller Waffenlieferant. Wegen des jahrzehntelangen Konflikts mit Nordkorea verfügt das Land über eines der größten Waffenarsenale der Welt, darunter auch Patriot-Flugabwehrsysteme, die Kiew dringend benötigt, um russische Raketen abzuwehren. Selenskyj hatte Seoul deshalb erst im August erneut um Luftabwehrsysteme gebeten, allerdings ohne Erfolg. Dabei argumentierte er, dass eine engere Zusammenarbeit auch Südkorea zugutekäme: Nordkoreas Soldaten sammeln im Krieg gegen die Ukraine Kampferfahrung, während Pjöngjang von russischer Militärtechnologie profitieren könnte.

Damit prallen zwei Interessen unmittelbar aufeinander: Die Ukraine will Nordkoreas Beteiligung am Krieg möglichst sichtbar machen und den Druck auf Russland erhöhen. Südkorea will gerade bei hochsensiblen Fragen rund um nordkoreanische Überläufer, Gefangene und die Beziehungen zu Pjöngjang die Kontrolle behalten.

Experte warnt vor "Blaupause" für Russland

Vor einer weiteren Eskalation warnen inzwischen auch südkoreanische Experten. Bereits vor dem Rückruf des südkoreanischen Botschafters hatte Ban Kil-joo, Professor an der Korea National Diplomatic Academy, eine mögliche weitere Eskalation kritisiert. Russland könne einen solchen Schritt als "Blaupause" nutzen, um auch andere Unterstützer der Ukraine dazu zu bringen, ihre Hilfe zurückzufahren, sagte er der "Korea Times". Ein tieferer Bruch mit Kiew könnte zudem Seouls Beziehungen zu europäischen Partnern belasten, die Russland gemeinsam entgegentreten.

Hinzu kommt: Auch für Südkorea selbst bleibt die Zusammenarbeit mit der Ukraine von strategischem Wert. Ukrainische Streitkräfte verfügen inzwischen über unmittelbare Erfahrungen im Kampf gegen nordkoreanische Soldaten und Waffen. Diese Erkenntnisse können Seoul helfen einzuschätzen, welche Fähigkeiten die nordkoreanischen Truppen im Krieg gewinnen. Damit lassen sich auch potenzielle Folgen für die koreanische Halbinsel leichter absehen.

Noch vor wenigen Tagen bezeichnete der ukrainische Außenminister den Konflikt als "diplomatisches Missverständnis", das schnell beigelegt werden solle. Mit dem Rückruf des südkoreanischen Botschafters ist daraus nun deutlich mehr geworden.

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