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Orgo-Life the new way to the future Advertising by AdpathwayGuten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
möglichst wenig Drama, bloß keine Tragödie: Wem solche Gedanken durch den Kopf gehen, der ist auf dem Weg ins Theater. Auf der großen Bühne in der türkischen Hauptstadt Ankara öffnet sich heute der Vorhang für ein Schauspiel, in dem der Hauptdarsteller, ein alter Patriarch, auf ein verunsichertes Ensemble trifft. In mehreren Akten wird man sich gegenseitig unverbrüchlicher Freundschaft versichern und im Finale zum gemeinsamen Treueschwur ansetzen. So steht es jedenfalls im Programmheft. Der kapriziöse Senior vergisst allerdings öfter seinen Text und hört nie auf den Souffleur.
So könnte man den Nato-Gipfel beschreiben, der heute in der Türkei beginnt. Staats- und Regierungschefs schweben ein, um über den Krieg in der Ukraine und Möglichkeiten zu beraten, wie er sich beenden lässt. Die Staatenlenker werden über die Anstrengungen diskutieren, mit denen sich die Mitgliedsländer dem Ziel der Allianz nähern, bis 2035 fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in die Verteidigung und dafür nötige Infrastruktur zu investieren. Die Bedrohung durch den Imperialisten in Moskau wird nicht nur im Zusammenhang mit der Ukraine, sondern auch für die Nato selbst Thema sein. Das alles klingt erwartbar und vernünftig. Für das Gegenteil sorgt Donald Trump.
Er wäre wohl gar nicht zum Gipfel gefahren, gab der US-Präsident vor zwei Wochen zum Besten, wenn nicht der Gastgeber Recep Tayyip Erdoğan so sehr darum gebeten hätte. Seine Durchlaucht aus Washington gewährt dem Sultan von Ankara nun also seine Huld. Doch mit den übrigen Verbündeten verliert seine Majestät die Geduld. Trump verlangt Loyalität, fertig. Er duldet keine Widerworte zum Krieg im Iran, sonst werden schwuppdiwupp US-Truppen aus Europa abgezogen oder Waffenlieferungen auf Eis gelegt. Nach einer kritischen Äußerung des Bundeskanzlers soll die amerikanische Präsenz in Deutschland um 5.000 Soldaten schrumpfen.
Auch die geplante Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern ist vordergründig den unbotmäßigen Worten aus Berlin zum Opfer gefallen. Eigentlich hätten die Langstreckenwaffen eine kritische Lücke im europäischen Schutzschild schließen sollen. Schon länger wollen jedoch die Buchhalter im Pentagon ihre Militärmaschine in Europa verkleinern – aus schierem Geldmangel und veränderten geostrategischen Prioritäten. Die USA verabschieden sich von ihrer Rolle als Weltpolizist, verstehen sich eher als Hegemon auf dem amerikanischen Kontinent und konzentrieren sich auf die Rivalität mit China.
Einander fremd geworden, tänzelt man also in Ankara umeinander herum. Das wichtigste Thema des Nato-Gipfels findet sich nicht in Kommuniqués und Aufrüstungsversprechen, sondern lautet schlicht und einfach: Trump im Zaum halten. Die anderen Regierungschefs werden sich, wenn nötig, bis zur Peinlichkeit bücken und literweise Speichel lecken, nur um zu verhindern, dass Big Daddy das Treffen oder gleich die ganze Nato sprengt. Generalsekretär Mark Rutte hat die unterwürfige Anbiederung zu einer eigenen Kunstform erhoben.
Trotzdem muss man bei Trump mit allem rechnen, denn zu Hause läuft es nicht rund für den Egomanen. Die Iran-Schmach hat unter vielen MAGA-Jüngern den Glauben an ihren Messias erschüttert. Kritik kommt nicht mehr bloß von den unwichtigen Losern aus Europa, sondern nun auch aus dem eigenen Lager. Trump ist deshalb gereizt. Die Kongresswahlen in vier Monaten könnten verloren gehen und ihn zur lahmen Ente degradieren. Ein inszenierter Eklat in Ankara, der seine unzufriedenen Anhänger vom Iran, von der Inflation, vom Epstein-Skandal und den restlichen ungefähr 570 Fehlern seiner Regierung ablenkt, käme Trump daher gerade recht. Die versammelten Regierungschefs dürften auf diese Gefahr mit ihrer wirksamsten Waffe reagieren: säuseln und schmeicheln, was das Zeug hält. Die Metapher des Theaters ist für das schwierige Gipfeltreffen also angebracht.
Heikler ist, dass die Schauspielerei in der Allianz dauerhaft Einzug gehalten hat. Die Nato und die Glaubwürdigkeit: Das gehört nicht mehr in denselben Satz. Das stärkste Militärbündnis der Welt gerät zur Scharade. Krisenfestigkeit heißt in der Allianz mittlerweile, eine Begegnung mit Donald Trump ohne Totalschaden zu überstehen. Was das für das Versprechen bedeutet, einander im Ernstfall beizustehen – einer für alle, alle für einen –, können sich die Zuschauer dieses Trauerspiels an einer Hand abzählen. Und Putin kann es auch.
Die Nato steht und fällt mit ihrer Glaubwürdigkeit. Was nützen Treueschwüre, die nur vorgetäuscht sind? Wozu das Theater? Das sind berechtigte Fragen. Die paradoxe Antwort lautet: Die Schwüre haben tatsächlich einen Nutzen. Das Theater zählt. Die Nato bleibt auch als Schatten ihrer selbst für Europa lebenswichtig. Zwar werden die Vereinigten Staaten auf Dauer ein dubioser Verbündeter bleiben. Doch Verteidigung ist ein Langzeitprojekt, und wer weiß schon, wen die Amerikaner nach Trump zu ihrem nächsten oder übernächsten Präsidenten küren. Dass die Skala nach unten offen ist, haben nun alle verstanden. Aber selbst MAGA-Amerika bewegt sich nicht über Nacht von Europa fort. Das US-Militär ist auf europäische Basen wie Ramstein in der Pfalz für seine weltweite Logistik und Operationen im Nahen Osten angewiesen. Ein Abzug der etwa 80.000 US-Soldaten aus Europa verträgt sich deshalb nicht mit Amerikas Interessen. Zudem würde er viel Zeit und obendrein die Zustimmung des Kongresses erfordern. Der Trump-typische Schlingerkurs – morgens hü, nachmittags hott, abends schon wieder vergessen – zieht den amerikanischen Abschied, falls er irgendwann wirklich in Gang kommt, gehörig in die Länge.
Das spielt den verschmähten Verbündeten auf dieser Seite des Atlantiks in die Hände. Eile mit Weile ist für Europa genau das Richtige. Denn Deutschland hatte zwar seine Zeitenwende, auch die Schuldenbremse bremst nicht mehr – aber Geld allein verteidigt keinen Quadratzentimeter. Industrielle Kapazitäten aufbauen, technologische Lücken schließen, eigene Spähsatelliten ins All bringen, Personal rekrutieren: Das alles erfordert eine Engelsgeduld. Bis man selbst halbwegs gerüstet ist, wüsste man die Amis deshalb gern an seiner Seite, nur für alle Fälle. Es gilt, die USA in der Nato zu halten, bis die Lücken in der europäischen Verteidigung geschlossen sind.


2 weeks ago
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