PROTECT YOURSELF with Orgo-Life® QUANTUM TECHNOLOGY
Orgo-Life the new way to the future Advertising by AdpathwayGefangenschaft in Russland
"Putin ist geradezu besessen davon"
18.10.2026 - 14:57 UhrLesedauer: 12 Min.

Evan Gershkovich vor Gericht (Archivbild): Der US-Journalist wurde in Russland wegen angeblicher Spionage zu 16 Jahren Strafkolonie verurteilt. (Quelle: Tatyana Makeyeva/reuters)
Erst betrogen, dann verurteilt: Fast 500 Tage war Evan Gershkovich Gefangener in Russland, der US-Journalist diente dem Kreml als Faustpfand. Nun berichtet Gershkovich über seine Haft – und wie das System Putin funktioniert.
US-Reporter Evan Gershkovich war auf Recherchereise im russischen Jekaterinburg, dann schlug der russische Geheimdienst FSB zu: Gershkovich wurde im März 2023 unter falschen Vorwürfen verhaftet, 491 Tage ins Gefängnis gesperrt. Schließlich brachte ein Gefangenenaustausch dem Amerikaner die Freiheit, denn das russische Regime hatte Gershkovich als Schachfigur für seine Zwecke benutzt.
Nun hat Gershkovich mit "Dieses verfluchte wunderschöne Land" seine Erinnerungen veröffentlicht. Im Gespräch erklärt der Journalist, wie er zum Spielball der russischen Machtpolitik wurde, was er im berüchtigten Gefängnissystem Russlands erlebt hat und wie er Wladimir Putin und dessen Regime einschätzt.
t-online: Herr Gershkovich, Sie haben Russland von einer seiner schlimmsten Seiten kennengelernt: dem Gefängnis. Was haben Sie dort über das Land gelernt?
Evan Gershkovich: Im russischen Gefängnis habe ich zwei Dinge über das Land erfahren. Eine Sache hat mich überrascht, die andere Sache war eher eine Bestätigung dessen, was ich schon vermutet hatte. Was wollen Sie zuerst hören?
Bitte die Überraschung.
Ich hatte diesen Zellengenossen, der mich sehr an einen bestimmten Russen erinnerte. Dieser Zellengenosse wuchs auf der Straße auf, ja, er war ein Straßenkämpfer. Im Russischen gibt es dafür die Bezeichnung "Pasan". Er lebte nach einem bestimmten Kodex, drückte sich sehr klug aus, erinnerte sich an jedes Detail, war stur und entschuldigte sich ungern. Vor allem war er Anhänger einer bestimmten Lebensansicht.
Zur Person
Evan Gershkovich, geboren 1991, ist amerikanischer Journalist und Autor. 2017 zog Gershkovich nach Moskau, wo er als Korrespondent für die "Moscow Times", die Nachrichtenagentur AFP und ab 2022 für das "Wall Street Journal" arbeitete. 2023 wurde der Reporter in Jekaterinburg wegen angeblicher Spionage festgenommen, später zu 16 Jahren Lagerhaft verurteilt. Im August 2024 wurde Gershkovich im Zuge eines internationalen Gefangenenaustausches freigelassen. Kürzlich ist Gershkovichs Buch "Dieses verfluchte wunderschöne Land. 491 Tage in russischer Haft: Meine Geschichte" erschienen.
Welcher?
Ich illustriere es mit einem Beispiel: Einmal sagt dieser Zellengenosse zu mir: Wenn du in einer Strafkolonie landest, wird es dort vielleicht eine Menge Leute geben, die dich nicht leiden können. Wenn dann einer auf dich zukommt, um dich anzugreifen, musst du zuerst zuschlagen – und zwar so hart, dass er nicht wieder aufsteht. Er wollte also, dass ich ein Stück Seife in eine Socke stecke und ihnen damit kräftig etwas überziehe. Jetzt raten Sie mal, an welchen ganz bestimmten Russen mich mein Zellengenosse erinnerte?
Den Mann an der Spitze Russlands?
Wladimir Putin, genau. Auch Putin war ein Straßenkämpfer, er ist scharfsinnig und stur, auch Putin glaubt, dass man zuerst zuschlagen muss. Es war sehr aufschlussreich, diese russische Denkweise so konkret zu hören. Nun denken die USA, dass sie mittels Steve Witkoff und Jared Kushner mit Putin reden, ja, verhandeln könnten.
Haben Witkoff und Kushner in Putin ihren Meister gefunden?
Putin ist beharrlich, er weiß, was er will. Er glaubt auch an die Macht der Gewalt, um zu bekommen, was er will. Deshalb war es sehr überraschend für mich, im Gefängnis diese Miniversion von Putin zu erleben. Und ungemein spannend.
Welche Vermutung über Russland haben Sie andererseits im Gefängnis bestätigt bekommen?
In Russland haben wir es mit einem Land zu tun, in dem etwa 15 Prozent der Menschen den Krieg und Putin unterstützen, während 15 Prozent weder den Krieg noch Putin befürworten. Es gibt jedoch eine schweigende Mehrheit von 70 Prozent, bei der man nicht wirklich weiß, was sie denkt, weil sie sich völlig ausgeklinkt hat. Unterstützen sie also Putin? Befürworten sie den Krieg? Vielleicht unterstützen sie Putin, aber nicht den Krieg – oder umgekehrt: Sie befürworten den Krieg, aber nicht Putin?
Im Gefängnis war es ähnlich?
Ganz genau! Im Grunde gab es dort die breite Masse, die nicht wirklich über diese Fragen nachdenken wollte. Einige, die politischen Gefangenen, waren ziemlich offensichtlich gegen den Krieg. Andere Leute waren normale Kriminelle, aber sie dachten: Weißt du, Putin ist ein guter Kerl. Er ist unser Typ. Die russische Gesellschaft im Gefängnis gibt ein überaus ähnliches Bild von der russischen Gesellschaft außerhalb des Gefängnisses ab.
Sie hatten zwangsläufig ebenfalls Kontakt mit Gefängniswärtern und Beamten des russischen Geheimdienstes FSB.
Ich hatte diese "Gelegenheit", ja. Es war auch aufschlussreich: Von außen betrachtet wirkt dieser ganze Apparat monolithisch, als eine große Institution, die einfach auf Putin reagiert. Dann traf ich Menschen mit unterschiedlichen Ansichten. Ein Gefängnisbeamter sagte mir zum Beispiel, dass er es nicht mag, über die Dinge nachzudenken, die gerade passieren. Als ich ihn aber konkret fragte, ihn drängte, zu sagen, was er vom Krieg halte, lächelte er und machte eine Geste – und zwar die Reißverschluss-Geste am Mund.
Was sind die Leute vom gefürchteten FSB: Zyniker oder Überzeugungstäter?
Da ist alles dabei. Es gibt Zeiten, in denen mancher nicht mit allem, was geschieht, einverstanden ist. Aber das System funktioniert weiter. Dann gibt es sicher auch die Zyniker, die aus ihrer Zugehörigkeit zum elitären FSB das Recht ableiten, alles machen zu können. Aber wir dürfen auch die Naiven nicht vergessen. Wollen Sie ein Erlebnis von mir hören?
Gerne.
Da war dieser eine Typ. Es ging bei der Gelegenheit um den Fall eines Russen, der 20 Dollar an eine ukrainische Hilfsorganisation für Obdachlose und Hunde gespendet hatte – infolge des Krieges. Dafür sollte der Mann nun für 14 oder 15 Jahre ins Gefängnis. Auf meinen Einwand, dass das doch völlig übertrieben sei, hieß es nur: "Wir wissen, dass das übertrieben ist, aber so haben die Gesetzgeber das Gesetz nun einmal verfasst." Da war dieser naive Glaube, dass das System eben so funktioniere. Zu guter Letzt – um die Aufzählung komplett zu machen – gibt es im Apparat auch noch die Leute, die sich für echte Patrioten halten, die glaubten, sie würden ihre Arbeit tun – und zwar genau so, wie es von ihnen verlangt wurde.
Mit allen diesen verschiedenen Menschen hatten Sie im russischen Gefängnissystem zu tun. Jetzt sind mit "Dieses verfluchte wunderschöne Land" Ihre Erinnerungen an die fast 500 Tage in Haft erschienen. Warum haben Sie es geschrieben?
Da gibt es verschiedene Gründe. Zunächst war das Schreiben auch therapeutisch, aber mir war es wichtig, dass dieses Buch nicht nur von mir handelt. Sondern auch von Russland, damit die Menschen mehr darüber erfahren. Nehmen wir den Einblick in den staatlichen Apparat, den wir gerade gemacht haben: Wenn eines Tages die Verantwortung für die von Russland an der Ukraine begangenen Verbrechen zugewiesen wird, kann das hilfreich sein. Wo beginnt die Verantwortung? Wo endet sie? Wer trägt am meisten davon?
Sie sind 2017 als Journalist nach Russland gegangen, als das Regime bereits deutlich autoritärer und repressiver agierte. Wie viel Mut braucht es dafür?
Wir Auslandskorrespondenten haben uns besprochen, ob es die Möglichkeit einer Festnahme gäbe. Aber tatsächlich haben wir diese als eher klein angesehen. Wir dachten wirklich nicht, dass Russland so weit gehen würde. Denn immerhin waren wir ausländische Journalisten. Aufrichtigen Mut haben die russischen Journalisten bewiesen, wahre und unabhängige russische Journalisten, denen für ihre Arbeit Gefängnis drohte. Oder Schlimmeres. Anna Politkowskaja wurde 2006 in ihrem Treppenhaus umgebracht. Es geschah an Putins Geburtstag. Das sollten wir nicht vergessen.
Gleichwohl wurden Sie Ende März 2023 in Jekaterinburg vom FSB festgenommen.
Sie haben eine ausgeklügelte Falle aufgebaut, um es so aussehen zu lassen, als wäre ich auf Spionage aus. Es geschah in einer Atmosphäre, in der Russland glaubt, dass es nicht nur mit der Ukraine im Krieg wäre, sondern auch mit dem, was sie den kollektiven Westen nennen, mit den USA an der Spitze. Journalisten seien der Deckmantel für ihre Spione, so lautet die Denkweise. Da lief ich dann herum und berichtete über militärische Angelegenheiten.
Was ist genau geschehen?
Ich traf mich in Jekaterinburg in einem Steakhouse mit einem Mann namens Pawel. Er war Gewerkschaftsführer der Fabrikarbeiter, eine Quelle, es ging um Produktionszahlen für Panzer. Eigentlich hatte Pawel keine Unterlagen mitbringen sollen, er tat es aber doch. Das Treffen erschien hochriskant, vor allem für Pawel.
Letzten Endes aber doch eher für Sie?
Leider. Ich machte mir gerade Notizen zu den Schriftstücken, die Pawel dabeihatte, als eine Gruppe von Männern auftauchte. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Einer der Männer bellte uns an: "Ich glaube, wir haben diesen Tisch gebucht." Was merkwürdig war, denn das Restaurant war ziemlich leer. Dann begann ich die Situation zu verarbeiten und merkte, dass die Männer Sturmhauben trugen. Das war wirklich beängstigend, es war ein Gefühl purer Angst.
Was passierte dann?
Bei mir übernahm ein Kampf-oder-Flucht-Instinkt, es war irgendwie animalisch. Ich versuchte noch die Papiere zu verstecken und hatte Angst um meine Quelle Pawel. Die Männer stürzten sich auf uns, dann hieß es: "Sie werden vom Sicherheitsdienst der Russischen Föderation festgenommen!" Da lief es mir eiskalt den Rücken runter.
Der FSB tritt auf, wenn es ernst wird.
Der FSB ist Russlands Inlandsgeheimdienst, er berichtet direkt an den Präsidenten. Zudem handelt es sich um den früheren KGB der Sowjetunion. Das war eine todernste und gefährliche Angelegenheit. Das dachte ich, kurz bevor ich zu Boden gerungen und verhaftet wurde. Auch habe ich noch bemerkt, wie Pawel sich irgendwie in die Menge zurückzog.
Pawel hatte Sie hereingelegt.
Das ist wahr. Er machte sich aus dem Staub, ich landete in einem Auto. Sie fragten mich, für wen ich arbeiten würde. "Wall Street Journal", antwortete ich wahrheitsgemäß. Ich bekam wieder einen Sack über den Kopf gezogen, einer der Männer nahm mich in den Schwitzkasten, während ein anderer mir kräftig in die Magengrube schlug. Sie wollten mir wohl klarmachen, dass ich nun in ihrer Gewalt war. Dann nahmen sie mir den Sack wieder ab und fragten erneut: "Für wen arbeitest du?" Da dämmerte mir, wie schlimm die Lage war: Denn sie beschuldigten mich der Spionage.
Schlimmer konnte es kaum kommen.
Ich war völlig verängstigt. Verhör, Folter, was konnte jetzt kommen?
Vor allem wollte der Kreml Sie als Tauschobjekt.
Ja. Ich wurde dann nach Moskau gebracht, ins Lefortowo-Gefängnis. Das ist ein widersprüchlicher Ort. Historisch gesehen ist es aufgrund seiner grausamen Vergangenheit gefürchtet, aber im heutigen Russland würden sich viele Menschen dafür entscheiden, dort eingesperrt zu werden. Denn Lefortowo ist auch das bestgeführte Gefängnis in Russland. Es ist eine Art von Showgefängnis. Es ist am saubersten, am ordentlichsten. Sie haben dort keine Ratten, keine Maden.
Wie sah Ihr Alltag dort aus?
Die Zelle war winzig, wirklich klein. Du hast ein Bett auf der einen Seite, ein Bett am Ende, dann einen Schreibtisch auf der anderen Seite, schließlich die Wand. Also kann eine Person nur zwischen diesem und jenem Bett auf und ab gehen. Dort verbringst du 23 Stunden am Tag. Das ist schon eine herausfordernde Situation. Aber sie haben mich im Allgemeinen gut behandelt. Ich war ja als Austauschpaket gedacht, meine Angelegenheit von globaler Aufmerksamkeit begleitet. Die US-Botschafterin durfte mich etwa besuchen.
Anfangs waren Sie allein untergebracht, dann wurden Sie zu einem anderen Gefangenen in die Zelle verlegt.
Der Mann hieß Sergei, Serjoga genannt. Er war der erwähnte Straßenkämpfer. Beim ersten Betreten der Zelle habe ich auch gleich zwei Kardinalfehler begangen, wie er mich aufklärte. Erstens hatte ich meine Füße am Lappen an der Türschwelle nicht gesäubert. Das gilt als respektlos. Dann wollte ich ihm meine Hand geben, ohne vorher nach seinem Artikel zu fragen. Damit ist das russische Strafgesetzbuch gemeint: Wer etwa wegen eines der "beschissenen" 130er einsitzt, landet in der Gefangenenhierarchie ganz weit unten. Denn da handelt es sich um Anklagen wegen sexueller Gewalt.
Sie waren wegen des Artikels 276 dort: Spionage.
Es gibt Artikel, die gängig sind, allen sind sie ein Begriff. Der 276 kommt nicht so häufig vor. Als ich Serjoga "276" auf seine Frage nach meinem Artikel sagte, schien er zu rätseln, was das heißt. Als ich "Spionage" sagte, wurden seine Augen groß: "Du bist ein Spion." Ich antwortete, dass ich das nicht sei und sie mich hereingelegt hätten. Dann sagte er etwas ziemlich Lustiges.
Was?
Serjoga sagte, es wäre ja wie in diesem Gefängnisfilm "Die Verurteilten", wo sich alle Häftlinge darüber einig sind, dass sie unschuldig wären. Da merkte ich: Der Kerl hat Sinn für Humor. Wir hatten auch eine Basis, ich bin in den USA in einem russischsprachigen Elternhaus aufgewachsen. Meine Eltern haben die Sowjetunion Ende der Siebzigerjahre verlassen. Ich kannte also sowjetische Zeichentrickserien, russische Filme: Ich verstehe diese Popkultur. Serjoga wiederum hat im Russland der Neunzigerjahre die amerikanische Popkultur kennengelernt mit Filmen, Serien und Shows im Fernsehen.
Klingt recht harmonisch.
Außerhalb des Gefängnisses wären wir eher keine Freunde geworden. Aber dort kamen wir miteinander aus.
Wie schwer war es für Sie, dort unschuldig einzusitzen?
Ich las dort viel, Romane und Geschichtsbücher, betrachtete es als eine Art Promotion in russischer Geschichte. Außerdem schrieb ich meine Tagebücher. Ich spielte mit Serjoga Backgammon, das ist ein beliebtes Spiel in russischen Gefängnissen. Und wir schauten abends einen Film, weil wir einen Fernseher hatten. Und wir lasen uns oft Gutenachtgeschichten vor. Aber ich will ehrlich sein: Das Leben dort hatte seine Tiefen, es kann wirklich deprimierend werden. Denn es ist kein Leben, es wird zu einer Art Stillleben. Das alles geschah vor dem Hintergrund, dass ich ja unschuldig war. Wie Sie sagen.
Sie waren, wie gesagt, ein Tauschpfand. Im Hintergrund liefen Versuche, Sie freizubekommen.
Im Grunde lief es vor allem auf Wadim Krassikow hinaus. Den sogenannten Tiergartenmörder, der 2019 als russischer Attentäter einen Mann in Berlin erschossen hatte. Dafür saß er in Deutschland im Gefängnis. Putin wollte diesen Mann unbedingt zurück.
Entsprechend suchte der FSB nach "Druckmitteln" – und kam so auch auf Sie?
So muss es gewesen sein. Als ich sah, wie Tucker Carlson 2024 Putin interviewte, und der russische Präsident Wadim Krassikow nannte, wurde es interessant.
Auch Ihr Name fiel in dem Interview.
Ja, Putin persönlich sprach über mich mit Tucker Carlson. Ich kam mir vor wie ein Ausstellungsstück im Museum. Aber einen Mörder wie Krassikow freizulassen, ist für einen Rechtsstaat wie Deutschland schwer. Das verstand ich. Als Alexej Nawalny getötet wurde, hatte ich beschlossen, mich innerlich komplett zurückzuziehen. Am Ende ist aber genau das passiert, was Russland wollte. Washington signalisierte Berlin, dass etwas geschehen müsse, Berlin gab sein Einverständnis.
Krassikow kam in der Folge frei: Aber ebenso Sie und weitere Faustpfänder des Kreml beziehungsweise des belarussischen Regimes. Darunter der frühere US-Marine Paul Whelan, der Deutsche Rico Krieger und der russisch-britische Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa.
Ich bin so froh, frei zu sein. Aber ich hatte von Anfang an Schuldgefühle: vom Tag, an dem ich entführt wurde, bis hin zum Austausch gegen Krassikow.
Im Gefängnis in Jekaterinburg, wohin Sie wegen des Prozesses verlegt worden sind, mussten Sie vor dem Austausch ein Gnadengesuch an Putin schreiben. Wie schwer fiel Ihnen das?
Putin ist von seiner Ausbildung Jurist, diese Tatsache über ihn wird oft vergessen. Und Russland ist sehr legalistisch. Es liebt seine Bürokratie und alles muss nach diesem System gemacht werden. Alles sollte legal aussehen. Ich war ja auch, trotz meiner Unschuld, verurteilt worden. Also schrieb ich, versuchte aber ein Gleichgewicht herzustellen zwischen meiner Unschuld und meinem Wunsch, freigelassen zu werden.
Sie haben Putin in dem Gnadengesuch faktisch um ein Interview gebeten.
Ich bin eben Journalist. Außerdem wollte ich auch ein Zeichen des Protests signalisieren, ohne den Kreml zu sehr zu provozieren. Das hat Zeit und einige Anläufe gekostet. Sie haben das Interview tatsächlich auch am Tag nach dem Austausch abgelehnt. Tatsächlich habe ich nicht gedacht, dass mein Schreiben jemand wirklich lesen würde.
Wie schätzen Sie Wladimir Putin ein?
Jeder, der mit Putin verhandelt hat, erkennt zwei Dinge: Erstens erinnert sich Putin an jedes Detail. Nach der Krim und der Ostukraine 2014 verhandelte er mit den Ukrainern über das Gas, er kannte wirklich jedes Detail. Zweitens ist Putin sehr gut darin, keine Emotionen zu zeigen. Sie kennen sein Gesicht und seinen Blick. Er ist ein ausgebuffter KGB-Offizier.
Putin hat Sie 2019 während einer Pressekonferenz einmal direkt angesehen, wie Sie berichten.
Das war in Sotschi, am Schwarzen Meer. Ägyptens Präsident war zu Gast. Ich hielt mein Handy ans Dolmetscher-Headset, das sah wohl komisch aus. Putin schaute mich an, dann schaute er weg. Ehe er mir wieder einen Blick zuwarf. Wir starrten einander mehrere Sekunden an, dann blickte er wieder ohne Regung weiter.
Sie schildern im Buch eine Episode, die daran zweifeln lässt, dass Putin alle Details über Russland kennt.
Das war eine Geschichte, an der wir vor meiner Verhaftung gearbeitet haben. Es geht darum, wie Putin ein System aufgebaut hat, das ihn falsch informiert hat. Vor der großangelegten Invasion der Ukraine machte der Kreml eine interne Umfrage, wie die öffentliche Unterstützung dafür sein würde. Das Ergebnis war nicht besonders gut. Als der Meinungsforscher in Putins Büro berichten wollte, sagte man ihm: "Wladimir Wladimirowitsch sollte sich jetzt nicht aufregen." Eigentlich ist das ein vernichtendes Zeugnis für Putins Arbeitsweise. Er mied das Internet, bekam Informationen von Leuten, die sich nicht trauten, ihm schlechte Nachrichten zu berichten. Seine Sicherheitsdienste sind im Grunde darauf ausgelegt, ihn anzulügen. Er lebt in einer Blase.
Ihr Buch trägt den Titel "Dieses verfluchte wunderschöne Land". Was wird aus Russland zukünftig werden?
Das ist wirklich schwer vorherzusagen. Putin ist gerade 74 geworden, er wirkt sehr gesund. Dazu kommt sein Interesse an der Langlebigkeit, er ist geradezu besessen davon. Es hängt also viel von Entwicklungen in Russland selbst, aber auch den weltweiten Ereignissen ab. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Russland nicht nur Putin hervorgebracht hat, sondern auch Leute wie Alexej Nawalny und Boris Nemzow. Wir dürfen auch nicht die 70 Prozent der russischen Bevölkerung vergessen, die einfach schweigen. Ich persönlich glaube, dass viele von diesen Menschen wollen, dass das alles einfach endet.
Eine letzte Frage: Wie geht es Ihnen mittlerweile?
Ich habe mit Therapeuten gearbeitet, dann habe ich mein Buch geschrieben. Mittlerweile arbeite ich wieder als Journalist für das "Wall Street Journal", ich hatte einen wunderbaren Sommer in Berlin. Mir geht es gut.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Gershkovich.
Erfahren Sie mehr zu unseren Affiliate-Links
Wenn Sie über diese Links einkaufen, erhalten wir eine Provision, die unsere redaktionelle Arbeit unterstützt. Der Preis für Sie bleibt unverändert. Diese Affiliate-Links sind durch eingekennzeichnet.
Verwendete Quellen
- Persönliches Gespräch mit Evan Gershkovich in Hamburg
Neueste Artikel
Ein Gastbeitrag von Ulf Laessing
Meinung|Kolumne "Russendisko"Plant Russland etwas Großes?
Eine Kolumne von Wladimir Kaminer
Interview|Ex-Trump-Mitarbeiter Anthony Scaramucci"Nun haben wir den Ärger"
Ein Interview von Marc von Lüpke
Ein Interview von Marc von Lüpke
Ein Interview von Simon Cleven
Interview|Politologe Francis Fukuyama"Trump sagte etwas Unglaubliches"
Ein Interview von Marc von Lüpke
Eine Kolumne von Wladimir Kaminer
Internationale Politik von A bis Z


5 days ago
3
























English (US) ·
French (CA) ·
French (FR) ·