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Geschichte: Wie die britische East India Company Indien plünderte

1 day ago 1

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Mega-Unternehmen mit Privatarmee

"Die gierigste und gefräßigste Firma der Geschichte"


02.10.2026 - 09:21 UhrLesedauer: 10 Min.

 Die East India unterwarf als Privatunternehmen fast ganz Indien.Vergrößern des Bildes

Belagerung von Seringapatam 1799: Die East India unterwarf als Privatunternehmen fast ganz Indien. (Quelle: Archiv Gerstenberg/ullstein-bild)

Sie kam aus Profitgier und kannte keine Gnade: Die britische East India Company unterwarf einst Indien und plünderte es aus. Wie ein Privatunternehmen den Subkontinent unterjochen konnte, erklärt Historiker William Dalrymple.

Indien galt einst als eine Art "Juwel" des britischen Kolonialreichs, doch unterjocht wurde der Subkontinent zunächst von einem Privatunternehmen, das ohne Skrupel und Gewissen agierte: die East India Company. Sie genoss lange Zeit zahlreiche Freiheiten, entzog sich staatlicher Kontrolle und unterhielt in Indien einst Streitkräfte, die der britischen Armee zahlenmäßig durchaus überlegen waren.

Für William Dalrymple, Historiker und einer der besten Kenner Indiens, ist die East India Company das mächtigste Unternehmen der bisherigen Geschichte. Wie gelang der East India dieser Aufstieg? Wie kam es zu ihrem Ende? Und warum hält Dalrymple ihre Geschichte für eine Warnung in Zeiten von Elon Musk, Palantir und anderen mächtigen Tech-Akteuren? Diese Fragen beantwortet der Autor des Buchs "Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company" im Gespräch.

t-online: Herr Dalrymple, Indien ist riesig, dennoch gelang es im 18. Jahrhundert einem Privatunternehmen aus Europa, den Subkontinent seiner Herrschaft zu unterwerfen. Wie war das möglich?

William Dalrymple: Es gelang durch exzessive Gewalt und massives Blutvergießen. Indien war im 18. Jahrhundert nicht irgendein Land, sondern das reichste der Welt. Das Mogulreich zeichnete damals für rund 40 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich; auf dem Höhepunkt seiner Macht kontrollierte es nicht nur fast ganz Indien, sondern auch das heutige Pakistan, Bangladesch, den Großteil Afghanistans und einen kleinen Part des heutigen Iran. Aber das Reich der Moguln zerfiel, die East India nutzte die Situation für ihre Zwecke aus.

Der einzige Existenzzweck der East India Company dürfte in der Profitmaximierung bestanden haben?

Es ging ausschließlich um Profit. Alles andere war uninteressant. Dazu war die East India bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Zusätzlich kamen ihr die Umstände entgegen. 1739 drang mit Nader Schah ein Eindringling aus Persien vor, er eroberte die Hauptstadt Delhi und nahm die Schätze der Moguln mit. Das waren unvorstellbare Reichtümer. Die Moguln waren also pleite, konnten weder ihre Soldaten noch Beamten bezahlen. Es war wie einst in Europa nach dem Fall Roms: Plötzlich war alles zerbrochen, alles war in Auflösung begriffen. Für angriffslustige Europäer war es der perfekte Zeitpunkt.

Zur Person

William Dalrymple, geboren 1965, ist preisgekrönter Historiker und Bestsellerautor. Der renommierte Kenner Indiens hat mehrere Bücher zur Geschichte des Subkontinents veröffentlicht. Im März 2026 erschien Dalrymples Buch "Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company. 1600–1874" im Verlag C.H. Beck. Zu Dalrymples Vorfahren zählt eine Mogulprinzessin, er lebt in Indien.

Nun denken die meisten Menschen beim Kolonialismus eher an europäische Staaten, die Gebiete als Kolonien eroberten und beherrschten. In Ihrem Buch "Anarchie" über die East India Company betonen Sie, dass es im Falle Indiens ein gewinnorientiertes Privatunternehmen mit Sitz in London gewesen ist.

Bei ihrer Gründung 1600 hätte wohl niemand der East India Company größeren Erfolg zugetraut. Aber er sollte sich langfristig einstellen. Immerhin kontrollierte die East India später nahezu die Hälfte des Welthandels, sie avancierte zum mächtigsten Privatunternehmen der Geschichte. Der Schriftsteller Edmund Burke bezeichnete die East India Company einmal als "Staat im Gewand eines Händlers". Und dieser Aufstieg verdankt sich ihrem in einem königlichen Freibrief garantierten Recht, "Krieg zu führen" und ihrem entsprechenden Auftreten in Indien. Dort hatte sich die East India zunächst in Bengalen festgesetzt, denn die dortige Textilherstellung war enorm produktiv und extrem profitabel.

Die riesigen Summen aus dem Handel in Bengalen investierte die East India dann in Waffen und Söldner, um ihre Macht noch weiter auszubauen?

Zu dieser Zeit kamen zahlreiche Faktoren zusammen. Der Niedergang des Mogulreichs in Indien war von einer militärischen Revolution in Europa begleitet. Friedrich der Große und seine Kriege spielten dabei eine große Rolle. Es gab neue Musketen, die Artillerieballistik machte Fortschritte, der Krieg wurde noch tödlicher. Die Briten importierten die neuen militärischen Techniken, die East India brachte sie dann nach Indien.

Wo niemand darauf vorbereitet war?

Dieser entfesselten Gewalt war niemand dort gewachsen. Mithilfe dieser Techniken konnten auch die riesigen Reiterarmeen in Indien besiegt werden. Das ist nun die militärische Erklärung für den Erfolg der East India in Indien. Die andere ist finanzieller Natur. Die East India erkannte früh die Bedeutung der indischen Händler und Bankiers. Besonders eine als Marwari bezeichnete Gruppe war wichtig – sie waren damals die größten Geldverleiher der Welt, größer als die Rothschild in Europa.

Deswegen genossen sie den Respekt der Händler von der East India?

Die Briten von der East India haben sich in Indien äußerst schlecht benommen. Sie plünderten Land und Leute ohne Hemmung aus, die indischen Bankiers haben sie aber stets mit enormem Respekt behandelt. Die East India zahlte die gewährten Kredite immer pünktlich zurück, ohne Streit und ohne Diskussion. Mehr noch, die East India lockte die Marwari und eine andere Gruppe von Geldverleihern, die Jain, mit Steuervergünstigungen nach Kalkutta. Dort konkurrierten die indischen Bankiers dann darum, den Briten Geld zu leihen. Mit nahezu unbegrenztem Kredit zahlte die East India Bestechungsgelder, kaufte Waffen und warb Söldner an.

Und das in einem gigantischen Ausmaß.

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Das kann man wohl sagen. 1799 bereiteten sich Großbritannien und Napoleon Bonaparte auf ihren großen Zusammenstoß vor. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Armee von König George III. in Europa rund 100.000 Mann. Die East India Company, die weder von der britischen Regierung geführt noch kontrolliert wurde, besaß hingegen in Indien eine Armee, die rund 200.000 Mann zählte. Ihre Feuerkraft war unfassbar groß. Eine solche Streitmacht gehörte also einem Privatunternehmen mit Gewinnorientierung, das unabhängig von Regierung und Parlament zu Hause in Indien schalten und walten konnte.

Indien war also gewissermaßen zur Plünderung durch eine profitorientierte Firma freigegeben?

Es ging damals in Indien ungefähr wie in diesem Hollywoodfilm "Avatar" von 2009 zu: Ein Unternehmen übernimmt den Mond Pandora und will dort wertvolle Mineralien abbauen, die Bewohner dieser Welt sollen gefälligst spuren – oder sie werden mit allen Mitteln bekämpft. Profit war der einzige Existenzzweck dieses Unternehmens im Film, Profit war auch der einzige Existenzzweck der East India Company. Da gab es keine humanitären Ideale, Rechenschaft war die Gesellschaft allein ihren Aktionären schuldig. Die Männer der East India wollten ein Vermögen in Indien machen, um dann reich in die Heimat zurückzukehren.

Wer dort überlebte, tat das auch.

Wer heute durch Großbritannien fährt und all diese alten, wunderschönen Häuser aus den Jane-Austen-Filmen sieht, sollte sich eine Tatsache bewusst machen: Sie wurden einst oft mit Geld aus dem geplünderten Indien oder aus den Gewinnen der Sklaverei errichtet. Heute ist das Wort "loot", "Beute", dank Computerspielen wieder populär. Aber ursprünglich ist "loot" ein hindustanischer Slangausdruck für "Kriegsbeute". Sie können sich denken, warum ein einst nur in Nordindien verwendeter Begriff dann ausgerechnet im 18. Jahrhundert auf der britischen Insel heimisch wurde.

Der Siegeszug der East India Company in Indien ist untrennbar mit dem Namen Robert Clive verbunden. Was für ein Mann war er?

Robert Clive – 1725 geboren – war schon in jungen Jahren ein unangenehmer Zeitgenosse. Er erpresste Schutzgeld von Ladenbesitzern, war gewalttätig und unbezähmbar. Was ihm in England zum Schaden gereichte, war ihm dann in Indien von Vorteil. Im Dienst der East India hat Clive es weit gebracht – und zwar vom Buchhalter bis zum Gouverneur von Bengalen. Das lag an seinem unbestreitbaren militärischen Talent, er schlug erfolgreich Schlachten für die East India. Am Ende legte Clive den Grundstein für die britische Macht auf dem Subkontinent. Er ging gewaltige Risiken ein und war geradezu atemberaubend tollkühn.

In der Heimat verspotteten ihn die Menschen als "Lord Vulture", als "Lord Aasgeier".

Dieser Spitzname war wohlverdient. Nach der Schlacht bei Plassey, bei der Clive für die East India den letzten unabhängigen Nawab von Bengalen besiegt hatte, transferierte er 2,5 Millionen Pfund in die Schatzkammer der Gesellschaft. Das wären heute fast 300 Millionen Euro. Das war eine unerhört große Summe.

Vermutlich sicherte sich Clive einen entsprechenden Anteil?

Darauf können Sie Gift nehmen. Clive kehrte als schwerreicher Mann nach Großbritannien zurück. Seine Erfolge verschafften der East India wiederum die Diwani-Rechte: Das bedeutete, dass die East India in den Provinzen Bengalen, Bihar und Odisha die Steuern eintreiben durfte. Dabei ging sie keineswegs zimperlich vor. Nun kommt aber das Erstaunliche: Nicht wenigen Menschen in Großbritannien missfielen die ausbeuterischen Praktiken der East India in Indien; sie ärgerten sich auch, wie die neureichen Heimkehrer aus Asien mit ihren Schätzen prahlten und sich Macht und Einfluss kauften.

Insbesondere Robert Clive traf der Unmut?

Die Leute sahen ihn als Plünderer, er war der absolute Gauner. Seine Kutsche bewarfen sie auf der Straße mit Eiern, sie buhten Clive und andere Veteranen der East India in der Öffentlichkeit aus. Im Theatre Royal Haymarket gab es sogar ein satirisches Theaterstück, das mit Clive und der East India abrechnete. Diese Leute waren Geier und Schurken, das war auch vielen ihrer Zeitgenossen bitter bewusst. Wissen Sie, wie die East India einst ihre Plünderung Indiens bezeichnete? "Den Honigbaum schütteln", hieß es.

Clives Reichtum und Ruhm dürften ihn nicht glücklich gemacht haben, wie sein Ende nahelegt.

1774 beging Robert Clive Suizid. Er war wirklich ein Bösewicht, genial, ich sehe ihn als Raubritter ohne Skrupel. Clive erinnert mich ein wenig an Lord Voldemort aus den Harry-Potter-Büchern. Er war zeit seines Lebens manisch-depressiv, schon in seiner ersten Zeit in Indien hat er zweimal versucht, sich zu erschießen. Dann aber entdeckte er sein militärisches Talent. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass er neben einem wachen Verstand auch reichlich Glück gehabt hat.

Inwiefern?

Die Schlacht bei Plassey ereignete sich während des Monsuns. Es brach ein gewaltiges Gewitter aus, Clive hatte den Schutz seines Schießpulvers gewährleistet, der Feind, der ihm immerhin zwanzigfach überlegen war, nicht. Als das Wetter aufklarte, waren die Truppen der East India im Vorteil. Das Weitere ist Geschichte.

Die East India Company gab sich aber nicht nur mit Indien zufrieden, sondern wollte auch in London den Ton angeben.

Ein Drittel der Abgeordneten im britischen Unterhaus bestand Ende des 18. Jahrhunderts aus ehemaligen Mitarbeitern der East India, zahlreiche andere Parlamentarier besaßen ihre Aktien. Die East India rekrutierte ihre Angestellten jung, sehr jung, schickte sie mit spätestens 16 Jahren nach Kalkutta, um dort Sprachen und Buchhaltung zu erlernen. Viele starben gleich im ersten Jahr, denn die Krankheiten dort waren schlimm. Wer aber überlebte, konnte ein Vermögen machen. In ihren Dreißigern kehrten diese Leute dann als Millionäre in die Heimat zurück.

Wo sie dann gelangweilt waren?

Richtig. Und was macht man in einer solchen Lage, wenn man relativ jung und ziemlich reich ist? Man bezieht ein stolzes Haus und kauft sich einen Parlamentssitz. Das deckte sich bestens mit den Interessen der East India, die eifrig darum bemüht war, ihr Geschäft zu schützen. Die East India war die Erfinderin dessen, was wir heute Unternehmenslobbying nennen. Einer der schlimmsten Aspekte innerhalb einer Demokratie. Wer immer nützlich oder lästig sein konnte, wurde mit Geld bedacht. Wenn derjenige dafür empfänglich war. Nun sind wir heute in dieser Hinsicht auch nicht viel weiter.

Inwiefern?

Elon Musk hat Donald Trump im Wahlkampf mit vielen Millionen kräftig unter die Arme gegriffen. Robert Clive hätte da auch keine Sekunde gezögert.

Auch vor dem Handel mit Drogen hatten die Männer der East India keine Skrupel.

Durch Steuern und Verpachtung in Bengalen plünderte die East India Bengalen gnadenlos aus. Als es dort 1770 zu einer furchtbaren Hungersnot kam, scherte es niemanden von der East India. Die Leute verhungerten damals auf den Straßen, der Hunger dürfte mehr als eine Million Menschen das Leben gekostet haben. Das dürfte deutlich machen, dass die East India wenig Bedenken hatte, auch in den Drogenhandel mit Opium einzusteigen. China war der Absatzmarkt. Diese Leute gehörten zu den größten Drogenhändlern der Geschichte, Pablo Escobar und sein Medellín-Kartell wirken dagegen wie ein Witz, geradezu wie Amateure.

Nun schien die Macht der East India Company nahezu unerschütterlich zu sein. Wie kam sie zu Fall?

Auf Kritik stießen die Praktiken der East India – die sich selbst als "prächtigste Handelsgesellschaft des Universums" bezeichnete – schon seit langer Zeit. Letztlich ist ihr die eigene Habgier und Inkompetenz zum Verhängnis geworden. Denn als "nachhaltig" lassen sich ihre Praktiken kaum bezeichnen, als moralisch schon gar nicht. Der konkrete Anlass fand sich 1857, als sich die Privatarmee der East India Company, die Sepoys, gegen ihre eigenen Offiziere wandte.

Was war der Grund?

Es hatte sich das Gerücht verbreitet, dass die Söldner dazu gebracht werden sollten, zum Christentum zu konvertieren. Die Folge war ein gewaltiger Aufstand. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der britische Staat zog der gierigsten und gefräßigsten Firma der Geschichte schließlich die Zähne: Die Flotte der East India wurde aufgelöst, ihre Armee an die Krone übergeben. Nun herrschte Queen Victoria über Indien. Eine Fremdherrschaft über Indien löste die andere ab. Nun war es die direkte britische Herrschaft.

Welche Bilanz ziehen Sie aus der Geschichte der East India Company?

Für Indien war es eine Katastrophe sondergleichen. Ja, ihre Söldner bekamen das Doppelte von dem, was ihnen ein indischer Herrscher gezahlt hätte. Die indischen Bankiers verdienten auch gut an den Briten. Aber für die anderen Menschen war es schlimm. Nicht nur materiell, auch kulturell. Es gab einen wunderbaren zeitgenössischen Schriftsteller namens Ghulam Hussain Khan, dessen Werk ich oft benutze: Er beschrieb, wie die einst hohe Kultur am Hof der Moguln niederging, die East India hatte kein Interesse an den Malern, Tänzern und Musikern.

Heute gibt es wieder eine ungeheure Konzentration von Macht in den Händen weniger Männer und Unternehmen. Wie beurteilen Sie die Lage?

Die East India Company ist eine deutliche Warnung der Geschichte. Wenn Geld und Unternehmen die Kontrolle über Politik und Staat übernehmen, ist das für uns alle sehr gefährlich. Das kann ganz schlecht ausgehen. Andererseits gibt es kein Patentrezept dafür, wie ein Nationalstaat sich und seine Bürger vor den Exzessen der Konzerne schützen kann.

Haben Sie einen Ratschlag?

Die East India Company hat kein modernes Äquivalent. Facebook besitzt keine Infanterieregimenter, Walmart keine Atom-U-Boote. Das ist unser Glück, aber noch lange kein Grund zur Entwarnung. Die großen Konzerne sind sehr, sehr mächtig geworden. Keiner weiß, was Elon Musk wirklich über Gesellschaft und Staat denkt, Palantir ist ein furchterregendes Unternehmen. Wir müssen wachsam sein.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dalrymple.


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Verwendete Quellen

  • Persönliches Gespräch mit William Dalrymple via Videokonferenz

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