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Orgo-Life the new way to the future Advertising by AdpathwayIn Paris vollzieht sich noch schneller als in Berlin die Zerstörung der Mitte. Vom Protest gegen die herrschenden Verhältnisse profitieren die Extreme. Hat Marine LePen jetzt größere Chancen, Präsidentin zu werden?
Sie demonstrieren überall im Land, in den Städten wie in der Provinz. Sie stürmen Fremdenverkehrszentren und lassen das 140 Jahre alte Rathaus in Limoges in Flammen aufgehen. Autos brennen, Müllcontainer kokeln. Sie liefern sich gewalttätige Straßenschlachten mit der Polizei, die rabiat gegen Vermummte vorgeht. Szenen wie aus einem Bürgerkrieg.
Die Bilder aus Paris und Lyon, aus Lille, Bordeaux und Angers gehen um die Welt und müssen die Regierung nicht nur in Frankreich zutiefst beunruhigen. Denn die gesellschaftlichen Missstände, die dort Straßenschlachten auslösten, sind kein französisches Monopol.
Marode Schulen, über die Lehrer und Schüler klagen, gibt es auch in Großbritannien oder Deutschland. Wenn der Staat zum Sparen gezwungen ist, fängt er regelmäßig vorzugsweise bei Bildung und Sozialstaat an. Hohe Lebenskosten, Inflation und teures Benzin quälen auch die Verbraucher in den USA.
Frankreich ist auf seine Revolution stolz
In den USA können sich die Wähler am 3. November zur Strafaktion gegen Donald Trump aufraffen, wenn sie wollen. Großbritannien hat gerade den Premierminister ausgetauscht. Der Neue, Andy Burnham, gilt als Menschenversteher und Menschenfänger. Er muss nun die Wogen glätten, indem er den Briten zu verstehen gibt: Ich weiß, wie du dich fühlst, ich teile deinen Kummer und werde mich bemühen, dir zu helfen.
Frankreich ist anders. Emmanuel Macron ist beispiellos unbeliebt. Er denkt jedoch beileibe nicht an Rücktritt. Und die Menschen wollen nicht noch ein Jahr lang warten, bis es einen neuen Präsidenten oder gar eine neue Präsidentin wählen darf.
Frankreich ist auf seine Revolution stolz, in der das Bürgertum den Adel auf die Guillotine schickte und Napoleon ganz Europa nach französischem Vorbild verwandelte. Frankreich hat auch einen Hang zur Anarchie, die nun einmal mit Revolution einhergeht.

Zur Person
Gerhard Spörl interessiert sich seit jeher für weltpolitische Ereignisse und Veränderungen, die natürlich auch Deutschlands Rolle im internationalen Gefüge berühren. Er arbeitete in leitenden Positionen bei der "Zeit" und beim "Spiegel", war zwischendurch Korrespondent in den USA und schreibt heute Bücher, am liebsten über historische Themen.
Davon geblieben ist bis heute, dass sich gesellschaftliche Gruppen herausnehmen, ihre Interessen militant gegen den Staat zu vertreten. Die Gewerkschaften, die jederzeit bereit sind, sich Protesten anzuschließen, sind weitaus weniger staatsfromm als die deutschen.
Bis zu 800.000 Franzosen sollen auf den Straßen gewesen sein
Typisch französisch ist auch, dass ein Funke zuverlässig überspringt, wenn Proteste erst einmal begonnen haben. Aus Partikularinteressen entsteht dann ganz schnell eine gesellschaftlich übergreifende Protestbewegung. Angeblich waren in diesen Tagen insgesamt 800.000 Franzosen auf den Straßen.
Seit Mitte September demonstrierten französische Schüler gegen die Bedingungen, unter denen sie lernen sollen: zu wenige Lehrer, verlotterte Schulgebäude, schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Ihnen schlossen sich die Studenten an, die darüber klagen, dass sie zwar Examen haben, aber keinen Job zum Geldverdienen. Mit ihnen gingen viele Menschen auf die Straße, die unter der Teuerung leiden – Mieten, Lebensmittel, Benzin.


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