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Elif Eralp: Sie könnte Berlin regieren – und Wohnungskonzerne enteignen

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Ein Versprechen, das Milliarden kostet

Wie die Linke in Berlin für die Enteignungen kämpft


22.08.2026 - 12:34 UhrLesedauer: 9 Min.

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Eralp bei einer Demonstration von der Initiative Deutsche Wohnen Enteignen: Die Vergesellschaftung von Wohnraum ist das Wahlkampfthema der Linken. (Quelle: Soeren Stache/dpa)

Elif Eralp will große Konzerne enteignen: Mit diesem Versprechen ist die Linkspartei zur Spitzenreiterin vor der Berlin-Wahl aufgestiegen. Nicht überall kommt dieser Kurs aber gut an.

"Sooo, Steglitz", sagt Elif Eralp und klingt als müsse sie sich ein wenig selbst motivieren. "Mal sehen." Es ist 10 Uhr am Samstagvormittag, es sind schon 32 Grad. Eralp steht vor einem S-Bahnhof im gutbürgerlichen Berliner Stadtteil Steglitz, inmitten von zehn Wahlkämpfern. Trotz der Hitze sind sie heute gekommen, schließlich ist mit Eralp ihre Spitzenkandidatin für die Berliner Wahl am 20. September dabei.

Eralp, 45 Jahre, studierte Juristin, hat gute Chancen, die Wahl zu gewinnen. Eine aktuelle Forsa-Umfrage für t-online sieht die Linke als stärkste Kraft mit 22 Prozent, vor der CDU und der AfD, die sich mit 18 Prozent den zweiten Platz teilen. In den vergangenen Wochen sahen Umfragen mal die Linke, mal die CDU vorne. Jede Stimme zählt also. Und dafür wagt Eralp sich auch an für sie schwierigere Orte, wie heute in Steglitz, eigentlich eine CDU-Hochburg. Und tatsächlich macht es ihr der Stadtteil nicht leicht: weder auf der Straße noch im Häuserwahlkampf.

Nur wenige Menschen laufen an diesem Samstagvormittag am S-Bahnhof vorbei, also zieht Eralp mit drei Mitstreitern weiter zur Schlossstraße, der Einkaufsstraße von Steglitz, und postiert sich dort vor dem Eingang eines Einkaufszentrums. Kaum jemand erkennt sie, auch die Flyer und Programmzettel wird sie nicht so recht los. "Nicht ganz wie in Kreuzberg", sagt Eralp nach ein paar Minuten mit einem Lachen. "Dort kommen die Leute und machen Selfies". In dem Berliner Szene-Kiez hat die Linken-Politikerin ihren Wahlkreis, dort ist ihre Basis, dort erkennen sie viele.

Doch hier auf der Schlossstraße sind an diesem Samstagvormittag vor allem ältere Frauen unterwegs, die noch schnell Besorgungen machen, bevor es zu heiß wird. Kaum jemand nimmt Notiz von Eralp, einige verziehen den Mund. Wie das auf sie wirkt, lässt sie sich nicht anmerken. Sie bleibt in ihrem Modus: immer freundlich, immer gut gelaunt, immer mit einem Lachen auf den Lippen. Schließlich bleibt doch noch eine Frau mit Kind stehen. Sie hat Eralp erkannt und will ein Selfie. Auch ein junges Paar fragt sie nach einem Foto.

"Das mit den Enteignungen, da bin ich skeptisch"

Doch es gibt auch kritische Nachfragen. Eine Frau nimmt den Flyer entgegen, Eralp fragt, ob sie noch etwas habe, was sie ihr für den Wahlkampf mitgeben will. "Ja", sagt sie. "Das mit den Enteignungen, da bin ich skeptisch."

Enteignungen, oder Vergesellschaftung wie die Linke lieber sagt, ist das zentrale Wahlkampfversprechen der Partei in Berlin. Vor fünf Jahren hatte es ein entsprechendes Volksbegehren gegeben, 59 Prozent der Wähler stimmten damals dafür, große Wohnungskonzerne wie Vonovia zu enteignen. Das verspricht die Linke umzusetzen. "Das ist für uns ganz klar: Es wird mit der Berliner Linken in der Regierung vergesellschaftet werden", sagte selbst die Parteichefin Ines Schwerdtner in einem Podcast des "Stern".

Teure Mieten sind das zentrale Thema in der Hauptstadt. In den vergangenen zehn Jahren sind die Angebotsmieten um fast 70 Prozent gestiegen, Experten schätzen, dass der Stadt fast 60.000 Wohnungen fehlen. Geringverdiener, Rentner und junge Menschen haben es besonders schwer, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Aber auch das Angebot für Menschen mit mittleren Einkommen ist denkbar knapp. Fast 85 Prozent der Stadtbevölkerung lebt zur Miete, fast alle Berliner sind also von dem Thema betroffen.

Dass sich die Lage in den vergangenen Jahren nicht gebessert hat, lädt die Debatte zusätzlich emotional auf. Der Vergesellschaftungsplan, so radikal er für viele auch klingt, hat in der Stadtgesellschaft auch fünf Jahre nach dem Volksbegehren viele Unterstützer. Dass viele Ökonomen ihn für unwirksam, ja gefährlich halten, sieht die Linke anders. Sie ist die einzige politische Kraft, die ihn sich groß auf die Fahne schreibt.

"Mehrere Milliarden? Das ist zu viel"

Auch Eralp betont immer wieder, man wolle die großen Immobilienkonzerne enteignen. Auf die skeptische Reaktion der Frau auf der Schlossstraße, erklärt sie, dass es nicht darum gehe, jeden kleinen Privatvermieter zu enteignen. "Erst ab der 3.000. Wohnung", sagt sie. "Es geht uns darum, wieder Kontrolle über die Mietpreise zu haben, und das geht besser, wenn die Stadt mehr Wohnungen besitzt." Die Frau möchte es jetzt genauer wissen: Was sei mit Fonds? Wer soll dann noch bauen? Wie teuer soll das dann werden?

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Eralp rattert ihre Antworten runter, sie kennt diese Nachfragen bereits. Es gehe wirklich nur um die großen Konzerne, Tauschprogramme werde man auch ins Leben rufen, Bauen müsse man als öffentliche Hand natürlich auch. Die Vergesellschaftung, so betonen es Linke dieser Tage immer wieder, sei ja nur ein Baustein in einem ganzen Programm.

Die beiden unterhalten sich weiter, ganz überzeugt wirkt die Frau am Ende nicht. Auf Nachfrage sagt sie, dass sie die Enteignungen immer noch kritisch sieht. "Mehrere Milliarden dafür ausgeben? Das ist zu viel." Wie viel es tatsächlich kosten wird, dazu gibt es unterschiedliche Schätzungen. Sie reichen von 8 bis zu 42 Milliarden Euro.

Mit Enteignungen punktet man hier kaum

Das Thema stößt auch in den eigenen Reihen auf Kritik, unter den Steglitzer Linken sind nicht alle glücklich über diese Schwerpunktsetzung. "Einige hätten sich hier gewünscht, dass man auf das Enteignungsplakat verzichtet", sagt Franziska Brychcy, Spitzenkandidatin aus dem Bezirk, die an diesem Samstag mit Eralp unterwegs ist und ein paar Meter weiter steht.

Berlin, das ist nicht nur die linksliberale Partyhauptstadt, über die der Rest Deutschlands immer so gern schimpft. Berlin ist auch Marzahn-Hellersdorf, die größte zusammenhängende Plattenbausiedlung Deutschlands, wo bei der Bundestagswahl 2025 jeder Dritte die AfD wählte. Oder eben Steglitz-Zehlendorf, ein wohlhabender Bezirk, der bekannt ist für seine Villenviertel, den Wannsee und den Botanischen Garten. Hier ist die CDU stärkste Kraft.

Mit Enteignungen punktet man hier also kaum. Brychcy sieht als die wichtigsten Themen für ihren Bezirk: die Gesundheitsversorgung, Bildung, die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und die marode Infrastruktur. Darauf setzen sie hier im Wahlkampf ihren Schwerpunkt.

"Wir dürfen nichts versprechen, was wir nicht halten können"

Auch auf zu hohe Mieten, klar, das sei im Bezirk natürlich auch ein gewaltiges Problem. Doch mit den angekündigten Enteignungen sieht Brychcy auch eine große Verantwortung auf die Linke zukommen. Da sei der Preis: Wolle man wirklich alle 220.000 Wohnungen kaufen, die die Linke für die Vergesellschaftung ins Auge gefasst habe, bleibt kaum noch Geld für anderes. Und: Diese Wohnungen müssten dann auch richtig verwaltet, gut gemanagt werden. "Das muss dann alles funktionieren", sagt Brychcy und verweist auf Skandale bei städtischen Wohnbaugesellschaften, die es nicht geschafft hatten, ihre Wohnungen gut in Schuss zu halten. "Wir dürfen nichts versprechen, was wir nicht halten können", resümiert sie.

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Steglitz ist nicht das einzige Viertel mit eigener Schwerpunktsetzung: In Neukölln oder im ebenfalls sehr migrantisch und studentisch geprägten Wedding setzt die Linke auf Botschaften zum Krieg in Gaza. "Gegen jeden Krieg und Genozid" etwa heißt es in Neukölln auf Plakaten, im Wedding wirbt die Spitzenkandidatin für einen palästinasolidarischen Bezirk. Es bleibt auch nicht nur bei Solidaritätsbekundungen: Besonders dem Neuköllner Verband wird eine zu große Nähe zu islamistischen Gruppen nachgesagt, hatte sogar einen Unterstützer einer Gruppe, die der palästinensischen Terrororganisation Hamas nahesteht, zu einem Sommerfest eingeladen.

Eralp reagiert auf Fragen dazu ausweichend. Im Podcast der Funke-Hauptstadtredaktion sagte sie kürzlich auf die Frage, ob sie ausschließen könne, dass Angehörige ihrer Partei direkte Kontakte zur Hamas pflegen: "Davon wüsste ich wirklich gar nichts." Sie betont immer wieder, wie wichtig ihr der Schutz jüdischen Lebens in Berlin sei, dass sie sich ihr Leben lang gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus eingesetzt habe, dass die Beschlusslage ihrer Partei dazu klar sei.

Eralp kämpft gegen Unbekanntheit

Nach einer Stunde am Straßenstand verlagert die Linke Steglitz den Wahlkampf in die Häuser. Von der Shoppingmeile Schlossstraße geht es ins Bismarckviertel, einem gemütlichen, ruhigen Altbaustadtteil. Die Wahlkämpfer haben sich für Eralps Besuch dieses Gebiet bewusst ausgesucht. Denn hier im Norden des Stadtteils leben traditionell viele ältere Menschen, die nach und nach in Pflegeheime, zu ihren Familien ziehen oder sterben. In diese Wohnungen rücken junge Menschen nach, junge Familien, die eher zur Zielgruppe der Linken gehören.

Eralp kämpft hier für mehr Stimmen und gegen ihre Unbekanntheit. Eigentlich hatte die Partei eine bekanntere Politikerin aufstellen wollen, die frühere Parteichefin und Berliner Senatorin Katja Kipping, die neben ihrem bekannten Gesicht noch reichlich politische Erfahrung mitgebracht hätte. Doch Kipping sagte ab, im Oktober 2025 wurde dann Eralp als Spitzenkandidatin nominiert.

Eralp ist zwar nur drei Jahre jünger als Kipping, steht aber für ein neues Gesicht der Linken: jung, weiblich, migrantisch. Die Neuaufstellung war auch deswegen nötig, weil mit Linken wie Klaus Lederer und Elke Breitenbach in den vergangenen Jahren viele bekannte und erfahrene Politiker die Partei verließen, nannten als Grund die mangelnde Abgrenzung der Partei zum Antisemitismus.

Eralps Eltern kamen 1980 als politische Geflüchtete nach Deutschland. Geboren wurde sie in München, aufgewachsen ist sie in Dortmund, Jura studiert hat sie in Hamburg. Nach Berlin zog sie 2010, arbeitete zunächst im Bundestag als Referentin für Rechtspolitik für die Linke, zog 2021 für die Partei ins Abgeordnetenhaus von Berlin ein. Nichts also, mit dem man sich stadtweit bekannt macht.

Doch während sie als Unbekannte in den Wahlkampf startete, hat sie sich mittlerweile einen Namen gemacht. Das zeigt sich auch in den Zahlen: Laut der aktuellen Forsa-Umfrage für t-online sagen 16 Prozent der Berliner, sie würden Elif Eralp wählen, wenn sie den Bürgermeister direkt wählen könnten. Damit liegt die Linke auf den ersten Platz. CDU-Kandidat Stefan Evers landet mit 15 Prozent knapp hinter hier, die Kandidaten von SPD und AfD liegen bei zehn Prozent. Damit hat Eralp aufgeholt: In früherern Umfragen lag sie deutlich abgeschlagen im hinteren Feld.

"Jetzt hole ich das nach"

Wie hat sie das geschafft? Eine große Rolle spielen dabei die personalisierten Plakate und Flyer, Medienauftritte, Kampagnen über TikTok und Instagram. Aber das für sie wichtigste: "Ich will so viele Berliner wie möglich persönlich treffen." Deswegen hastet sie von Termin zu Termin: Infostände, Mieterversammlungen, Demonstrationen, Haustürwahlkampf. "Als ich damals nach Berlin gezogen bin, hatte ich mir fest vorgenommen, einmal jeden Bezirk anzuschauen", sagt sie. Das habe sie dann aber nie gemacht. "Jetzt hole ich das nach."

Eralp und Brychcy betreten mit Flyern in den Händen das erste Wohnhaus. Eine junge Frau öffnet die erste Tür. "Hallo, ich bin Elif von der Linken, die Bürgermeisterkandidatin und wir sind heute an den Haustüren und fragen, wo der Schuh drückt", sagt Eralp schnell und freundlich. Die junge Frau schaut überrascht, sie ist noch im Pyjama. "Meine Eltern sind nicht zu Hause", sagt sie schließlich. "Willst du uns denn etwas mitgeben?", fragt Eralp. "Naja", sagt die junge Frau. "Vielleicht mehr auf die Jugend achten."

Das ist das Stichwort für Eralp. Das Thema liegt ihr am Herzen, sie ist selbst Mutter zweier Söhne. Sie zählt auf, was die Linke für junge Menschen im Angebot hat: mehr Mitbestimmung durch Jugendvertretungen, mehr Geld für Jugendclubs, günstige Wohnheimplätze für Studenten und Auszubildende. "Uns ist es total wichtig, die jungen Menschen mitzunehmen, ihr seid ja unsere Zukunft", sagt Eralp am Ende ihres Monologs. Die junge Frau hat aufmerksam zugehört, sie nickt zufrieden. Wen sie am 20. September wähle, wisse sie allerdings noch nicht, sagt sie auf Nachfrage.

"Das ist Quatsch"

Nächste Tür, ein Stockwerk höher. "Ja?", fragt es ruppig durch die geschlossene Tür. "Hallo, ich bin Elif von den Linken", sagt Eralp. Die Tür öffnet sich, ein älterer Mann greift den Flyer und will die Tür direkt wieder schließen. "Wollen Sie uns noch was mitgeben?", fragt Eralp schnell. Der Mann stutzt und sagt dann: "Ich war früher mal links, aber heute nicht mehr." Eralp will es jetzt genau wissen, sie hakt nach. "Die Linken wollen immer, genau wie die SPD auch, einfach umverteilen", sagt er. "Aber das ist Quatsch, das bringt nichts." Sie verwickeln sich in eine lange Diskussion über wirtschaftliche Kompetenz, Vermögenssteuer, auch die geplanten Enteignungen sind wieder Thema. Einig werden sie sich allerdings nur bei der Frage, dass sie mit der AfD nicht sprechen würden.

Nach einer Viertelstunde unterbricht die Steglitzer Kandidatin Brychcy, man müsse langsam weiter. Beim nächsten Nachbarn haben sie dann mehr Erfolg. Er öffnet etwas verschlafen die Tür, entschuldigt sich, er komme gerade aus dem Bett. Auf eine lange Unterhaltung hat der Mann keine Lust, er wähle eh die Linken, sagt er. "Ich wünsche euch alles Liebe", ruft er Eralp und Brychcy zum Abschied hinterher.

Bei drei Wohnhäusern klingelt Eralp, bevor sie weiter muss zum nächsten Termin, Videodreh. Viele Türen öffnen sich an diesem Samstag nicht. "Die sind alle im Urlaub", sagt eine Bewohnerin über ihre Nachbarn. "Das ist doch auch schön", sagt Eralp mit einer Portion Zweckoptimismus und lacht. In anderen Bezirken gehe es eher darum, dass viele sich einen Urlaub nicht mehr leisten können.

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