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Deutscher Aktienindex: Dax gibt's doch gar nicht

2 weeks ago 9

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Monatelang mühte sich der deutsche Aktienindex ab, nun steigt er auf einen neuen Rekord. Doch die Euphorie täuscht – gleich dreifach.

5. Juli 2026, 10:14 Uhr

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 Diese Partikel steigen und lösen sich bei näherem Hinsehen auf. Dem Rekord des deutschen Leitindex Dax ist das nicht unähnlich.
Diese Partikel steigen und lösen sich bei näherem Hinsehen auf. Dem Rekord des deutschen Leitindex Dax ist das nicht unähnlich. © Max Slobodda für DIE ZEIT

Wenn vom deutschen Leitindex Dax die Rede war, musste man lange ganz genau hinhören. Hatten Börsenhändler nun vom »Leitindex« gesprochen und den Kurskorb mit den 40 wichtigsten Börsenfirmen des Landes geadelt? Oder war stattdessen vom »Leidindex« die Rede, der den US-amerikanischen Barometern meilenweit hinterherlief?

Zumindest in dieser Woche war es eindeutig: Der Dax erreichte einen neuen Rekord, stieg in der Spitze auf 25.827 Punkte. Ausgerechnet, nachdem die KI-Euphorie an den internationalen Aktienmärkten ins Stocken gekommen war. Ausgerechnet, als die wichtigen US-Investoren vor ihrem Nationalfeiertag einen Tag lang gar nicht handelten. Doch auch wenn Rekord nach Dynamik klingt, müssen Anleger genauer hinsehen.

Übersicht:

Irrtum 1: Das Reformpaket löst alle Probleme

Als die Berliner Koalitionäre am Donnerstagmorgen vor die Presse traten, ließ Bundeskanzler Friedrich Merz das Ziel des Reformpakets der Bundesregierung auf nur sechs Worte zusammenschnurren: »Wir wollen Deutschland wieder flott kriegen.« Zumindest beim Dax klappte das, denn nach der Nachricht von der Pressekonferenz zog der Index binnen Minuten nach oben. Aber wie dynamisch macht das Reformpaket das Land wirklich?

Mit ihrem 34-Punkte-Paket verspricht die schwarz-rote Bundesregierung unter anderem schnellere Genehmigungen für Infrastrukturprojekte, weniger Bürokratie und laxere Regeln bei Kettenbefristungen. Laut der Hamburger Privatbank Berenberg könnte das Wirtschaftswachstum damit von 0,3 Prozent in diesem Jahr auf 0,9 Prozent im kommenden und in 2028 auf 1,4 Prozent steigen. »Diese Reformen sind entscheidender als der viel diskutierte Fiskalstimulus mit den Ausgaben für Rüstung und Infrastruktur«, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Bank. Nachdem es im vergangenen Jahr nur um mehr Geld ging, so der Tenor vieler Volkswirte, gehe es jetzt um Strukturreformen. 

Allzu viel Hoffnung sollten Anleger auf das Paket jedoch nicht setzen. Die Firmen im deutschen Leitindex machen schließlich bloß noch 20 Prozent ihres Geschäfts im eigenen Land, den großen Rest international. Viele Großanleger sehen die Reformen eher als Hoffnungszeichen, dass die Berliner Koalition wieder handlungsfähig ist. Was bei politischen Beobachtern nur ein Gefühl ist, können Aktienstrategen in Zahlen messen.

34 Maßnahmen umfasst das Reformpaket der Bundesregierung.

Je häufiger Leitmedien über wirtschaftspolitische Unsicherheit schreiben, desto höher steigen Indizes, die den Chaospegel in der Wirtschaft darstellen sollen. Seit dem Ende der vergangenen Bundesregierung lagen diese Barometer nach einer Analyse der Berenberg-Bank hierzulande durchweg höher als in den USA, wo wohlgemerkt ein erratischer Präsident regiert. Und höher als in Großbritannien, wo die Labour-Partei ihre Führungskrise zelebrierte. Fallen diese Unsicherheitsbarometer wieder, könnte das für bessere Laune an der Börse sorgen.

Kurzfristig gehe es beim Reformpaket der Bundesregierung also um die Stimmung, das sagt Kapitalmarktstratege Joachim Schallmayer von der Deka-Bank. »Die Maßnahmen selbst entfalten kaum unmittelbare konjunkturelle Wirkung.« Viele Aktienhändler hoffen nun, dass internationale Investoren wieder stärker auf die 40 Aktien im Dax schauen und vielleicht sogar auf manchen kleineren Nebenwert. Weil alle Aktien des deutschen Leitindex zusammengenommen inzwischen weniger wert sind als manche große US-Techaktie, könnten schon ein paar umgeleitete Investitionsströme reichen, um die Notierungen nachhaltig anzuschieben.

Irrtum 2: Der ganze Dax ist in Rekordlaune

Während der Dax als Ganzes ein Rekordhoch notiert, gilt das nur für zwei Konzerntitel, die Allianz und Siemens. Die Euphorie ist längst nicht überall angekommen, im Dax gab es im ersten Halbjahr eine enorme Spreizung zwischen Gewinnern und Verlierern. Titel der Chipfirma Infineon kletterten um 116 Prozent, die Baufirma Hochtief mit ihren vielen Rechenzentrums-Projekten gewann 50 Prozent, Siemens Energy legte um knapp 40 Prozent zu. Auffällig: Alle diese Aktien profitieren vom KI-Trend.

Titel der Softwarefirma SAP dagegen sind seit Jahresbeginn um mehr als 30 Prozent eingebrochen, weil KI-Modelle vor allem Softwareanbieter unter Druck setzen. Längst musste der Walldorfer Konzern seinen Platz als größte Aktie im deutschen Leitindex Dax an den Industriekonzern Siemens übergeben. Und ausgerechnet als der Dax diese Woche seinen neuen Rekord erklomm, musste SAP seine Richtlinien für Dienstreisen und Neueinstellungen verschärfen. Mehr Symbolik, so scheint es, geht nicht.

Auf der Verliererseite finden sich inzwischen auch die Aktien der Rüstungsfirma Rheinmetall, die Investoren zuvor jahrelang nach oben bugsiert hatten. Am Freitag warnte der Konzern, er werde bei neuen Aufträgen und Rahmenverträgen vielleicht hinter den selbst gesetzten Zielen bleiben. Zwischenzeitlich war Rheinmetall die sechstgrößte Aktie im deutschen Leitindex und war für einen großen Teil von dessen Kursgewinnen verantwortlich.

Rund 38 Prozent verlor das Schlusslicht BMW im Dax seit Jahresbeginn.

Und die Autoaktien? VW, Mercedes-Benz und inzwischen sogar BMW gehörten im ersten Halbjahr allesamt zu den größten Verlierern. Bei Volkswagen ist die Lage offenbar so angespannt, dass weltweit mehr als 100.000 Stellen wegfallen könnten. Und selbst BMW, wo man mit dem Dieselskandal weniger als andere zu tun hatte und bei der E-Mobilität anderen vorausfuhr, scheint in der Krise. Kürzlich warnte der Konzern, dass seine Gewinnmarge im Zweifel auf bloß noch ein Prozent zusammendampfen könnte. »Die deutsche Autoindustrie dürfte bis 2030 schneller an Boden verlieren, als viele derzeit erwarten«, sagt Aktienstratege Robert Greil von der Privatbank Merck Finck. Anleger dürfte kaum beruhigen, dass die einst dominanten Autowerte inzwischen nur noch sechs Prozent des gesamten Index ausmachen.

Irrtum 3: Die Dynamik kommt aus Deutschland

Während viele Anleger den Grund des Dax-Rekords in Deutschland suchten, fanden ihn andere dann doch in den USA: Am Donnerstag wurde bekannt, dass die US-Unternehmen im Juni außerhalb der Landwirtschaft nur halb so viele Stellen geschaffen haben wie zuvor vermutet. Was sich nach einem schlechten Zeichen anhört, wurde in der kontraintuitiven Logik der Anleger zum Kurstreiber.

Wenn die US-Wirtschaft angesichts der schwachen Jobdaten offenbar nicht so stark wächst wie erwartet, dürfte auch die Inflation nicht so stark steigen. Dann könnte sich die US-Notenbank mit Zinserhöhungen zurückhalten – und Aktien weniger Konkurrenz durch Zinsanlagen bekommen. Für viele Dax-Anleger sind die Zinsen in Übersee relevant, weil laut einer aktuellen Studie des Deutschen Investor Relations Verbandes mehr als 40 Prozent aller Dax-Großanleger aus Nordamerika kommen – sie sind sogar die größte Investorengruppe.

Nur 1 Konzern aus Deutschland ist unter den 100 weltgrößten Börsenfirmen.

Wie abgeschlagen die deutschen Konzerne im internationalen Vergleich inzwischen sind, zeigt eine Studie der Beratungsgesellschaft EY: Während sich vor einem halben Jahr immerhin noch drei deutsche Firmen auf der Liste der 100 größten Börsenfirmen weltweit fanden, ist es nun gerade noch: eine. Lediglich der Industriekonzern Siemens, der mit seinen Anwendungen Fabriken weltweit intelligent machen will, findet sich dort. Er rangiert selbst erst auf Platz 72.

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