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China zieht Lehren aus Putins größter Schwäche
16.10.2026 - 16:38 UhrLesedauer: 5 Min.

Chinas Präsident Xi Jinping (l.) und Russlands Staatschef Wladimir Putin beim Brics-Gipfel im September 2026 in Neu-Delhi. (Archivbild) (Quelle: IMAGO/Alexander Kazakov/Russian Presid/imago)
Die russische Armee macht im Ukraine-Krieg Fehler, die China in einem möglichen Konflikt mit Taiwan tunlichst vermeiden will. Neue Erkenntnisse zeigen, wie systematisch Peking die Gefechte in der Ukraine auswertet.
Mit kleinen Drohnen aus umgebauten Lastwagen greift die Ukraine am 1. Juni 2025 russische Bomberstützpunkte tief im Landesinneren an. Einige der attackierten Maschinen gehen in Flammen auf. Die Operation mit dem Namen "Spinnennetz" führt dem Kreml schmerzhaft vor Augen, wie verwundbar strategisch wichtige Militäranlagen sind. Selbst dann, wenn sie Tausende Kilometer von der Front entfernt liegen.
Der Angriff hat auch in China Aufmerksamkeit erregt. Dort untersuchen Militärstrategen inzwischen genau, wie es der Ukraine gelingt, einem militärisch überlegenen Gegner mit teils einfachen Mitteln empfindliche Verluste zuzufügen.
Eine neue Analyse der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) zeigt, wie systematisch Peking den russischen Angriffskrieg auswertet. Die Erkenntnisse fließen demnach bereits in die Entwicklung neuer Waffensysteme und die Ausbildung von Soldaten. Auch bei militärischen Übungen spielen sie eine Rolle. So gewinnt China Erkenntnisse für mögliche künftige Konflikte, etwa um den Inselstaat Taiwan, auf den das Land Ansprüche erhebt.
China lernt aus ukrainischen Erfolgen
Für ihre Studie haben die Forscherinnen Lilly Min-Chen Lee und Kateryna Bondar mehr als 90 chinesischsprachige Quellen von 45 Veröffentlichungsplattformen untersucht, die zwischen Juli 2022 und August 2026 erschienen. Darunter waren militärische Fachzeitschriften ebenso wie Publikationen von staatlichen Rüstungskonzernen und Medien der Volksbefreiungsarmee.
An der Auswertung von aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg beteiligen sich laut der Studie Personen und Institutionen aus verschiedensten Bereichen: Forscher militärischer Hochschulen, Ingenieure der Rüstungsindustrie und Einrichtungen, die an der Entwicklung und Beschaffung von Waffen beteiligt sind.
Auffällig ist, aus welcher Perspektive China den Krieg betrachtet: Während russische Angriffe als Vorbild für eigene Offensivfähigkeiten dienen, ziehen die chinesischen Fachleute bei der Verteidigung vor allem Erkenntnisse aus den Erfolgen der Ukraine.
Das Ergebnis der Studie: China untersucht neue Entwicklungen auf dem ukrainischen Schlachtfeld erstaunlich zügig. Im Durchschnitt dauert es nur vier Monate, bis neue Kampftechniken in chinesischen Analysen auftauchen. Auch die Umsetzung soll ohne größere Verzögerung stattfinden: Bis die Erkenntnisse in neue Ausbildungsprogramme oder Militärübungen fließen, vergeht meist etwa ein Jahr.
Besonders deutlich wird dies bei der Auswertung ukrainischer Angriffe auf russische Luftwaffenstützpunkte.
Putins verwundbare Flugplätze? Für China eine Warnung
Nach der Operation "Spinnennetz" untersuchten chinesische Militäranalysten, wie es den Ukrainern gelungen war, Drohnen unbemerkt ins russische Hinterland zu bringen und von dort aus strategisch wichtige Flugzeuge anzugreifen.
Schon im Oktober 2025 übte eine chinesische Brigade die Abwehr eines Angriffs, an dem mehr als 20 Drohnenpiloten beteiligt waren. Dabei kamen Systeme zum Einsatz, die Drohnen anhand ihrer Funksignale aufspüren und mithilfe einer Datenbank mit mehr als 800 handelsüblichen Drohnenmodellen identifizieren können.
Noch wichtiger für einen möglichen Krieg um Taiwan dürften die Erfahrungen im Schwarzen Meer sein. Dort greift die Ukraine mit unbemannten Sprengbooten russische Kriegsschiffe und Hafenanlagen an. Chinesische Marineforscher untersuchen die Angriffe und schlagen aufeinander abgestimmte Abwehrsysteme vor. Die Volksbefreiungsarmee trainiert inzwischen ebenfalls gegen unbemannte Boote: Im April 2026 schossen Fregatten bei einer Übung scharf auf solche Ziele, später wurden bewaffnete Drohnen gegen Schnellboote eingesetzt.
China zieht also Konsequenzen und baut seine Drohnenabwehr aus. Dazu gehören auch Laser- und Mikrowellensysteme, mit denen feindliche Drohnen bekämpft werden sollen.
Peking übernimmt auch Russlands Angriffstaktiken
Ebenfalls interessiert China, was Russland im Drohnenkrieg inzwischen besser macht, etwa die enge Verzahnung von Aufklärung und Angriff. Laut chinesischen Militäranalysen gelingt russischen Einheiten ein Angriff mitunter innerhalb von drei bis fünf Minuten nach Entdeckung eines Ziels. Früher dauerte das oft Stunden.
Auch die Entwicklung von Glasfaserdrohnen verfolgt Peking aufmerksam. Diese werden über ein dünnes Kabel statt über Funk gesteuert und lassen sich deshalb nicht mit gewöhnlichen Funkstörsendern ausschalten. Chinesische Einheiten erproben inzwischen selbst entsprechende Systeme.
Hinter all dem steht eine wirtschaftliche Erkenntnis: Moderne Kriege werden nicht nur mit hoch entwickelten Einzelwaffen entschieden, sondern auch mit riesigen Mengen günstiger Geräte. Der Gedanke dahinter: Wer eine billige Drohne mit einer teuren Rakete abschießt, kann zwar eine Schlacht gewinnen. Auf Dauer aber würde dies besonders in einem Abnutzungskrieg kostenintensiv werden. Deshalb will China Drohnen möglichst günstig bekämpfen.
China hat dabei einen Vorteil: seine riesige Drohnenindustrie und die Kontrolle über wichtige Zulieferketten.
Die ukrainische Drohnenindustrie hängt von China ab
Wie groß dieser Einfluss ist, zeigt eine aktuelle Recherche der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Ausgerechnet die Ukraine, deren Drohnenangriffe China so aufmerksam studiert, ist bei ihrer Herstellung weiterhin stark von chinesischen Bauteilen abhängig. Sowohl Motoren, Magnete und Batteriezellen als auch Chips und Wärmebildsensoren kommen vielfach aus chinesischer Produktion.
Zwar versucht Kiew, die Abhängigkeit zu verringern. Anfang 2024 stammten laut ukrainischen Zolldaten fast 90 Prozent der direkt importierten Drohnenteile aus China. In den ersten acht Monaten 2026 waren es nur noch 28 Prozent. Doch die Statistik täuscht: Viele Komponenten werden inzwischen über Drittstaaten wie Polen oder Tschechien eingeführt, obwohl sie in China hergestellt werden.
Für die Ukraine ist das ein echtes Dilemma: Westliche Bauteile sind deutlich teurer, während China eng mit dem Aggressor Russland zusammenarbeitet und bei der Ausfuhr von Drohnenkomponenten Kiew mitunter Steine in den Weg legt. Chinesische Exporteinschränkungen haben Lieferungen bereits verzögert und verteuert.
Das verschafft Peking einen starken Hebel. Auch Russland braucht chinesische Komponenten, ist wegen der westlichen Sanktionen sogar noch stärker auf das Land angewiesen. Die ukrainische Sorge: China könnte russische Hersteller bevorzugen oder wichtige Lieferungen nach Kiew weiter beschränken.
Was Chinas Erkenntnisse für Taiwan bedeuten
Für Taiwan ist die Bedrohung durch China noch unmittelbarer. Peking beansprucht die demokratisch regierte Insel für sich und schließt eine gewaltsame Einnahme nicht aus. Auch hier können die Erkenntnisse aus dem Ukraine-Krieg wertvolle Informationen liefern.
Eine chinesische Invasion müsste die Taiwanstraße überwinden. Landungsschiffe, Häfen, Flugplätze und Versorgungslinien würden zu entscheidenden Angriffszielen. An solchen verwundbaren Stellen hat die Ukraine Russland wiederholt getroffen.
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Die bedrohte Insel bleibt unterdessen nicht untätig. Im August verabschiedete das Parlament in Taiwan ein Gesetz, das grundsätzliche Ausgaben von rund 6,7 Milliarden Euro über sechs Jahre für die Beschaffung unbemannter Systeme vorsieht. Das heißt: Die Mittel müssen jährlich im Haushalt bereitgestellt werden. Neben Flugdrohnen geht es dabei auch um unbemannte Wasserfahrzeuge.
Je stärker Taiwan auf solche Waffen setzt, desto wichtiger wird für China deren Abwehr. Gleichzeitig könnte Peking eigene Drohnen einsetzen, um Verteidigungsstellungen aufzuklären und Ziele schnell anzugreifen. Die CSIS-Studie zeigt, dass sich die chinesischen Streitkräfte auf beide Seiten dieser Auseinandersetzung vorbereiten.
Einen entscheidenden Vorteil können sie sich durch die Beobachtung allerdings nicht verschaffen: Russland und die Ukraine entwickeln ihre Taktiken unter Beschuss ständig weiter. Ob Chinas stark zentralisierte Armee im Ernstfall ebenso rasch improvisieren könnte, ist offen.
Für Peking ist der Ukraine-Krieg trotzdem ein militärisches Lehrstück. Putin muss diese Erfahrungen unter hohen Verlusten sammeln. Xi Jinping kann daraus lernen, ohne selbst Krieg zu führen.


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