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Binnenschifffahrt: Bitte nur halb vollmachen, sonst läuft der Kahn auf Grund

1 week ago 3

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Tobias Zöller könnte sich jetzt aufregen, fluchen oder zumindest genervt auf die Uhr schauen. Denn es ist ja längst alles bereit: Das Dach seines Schiffes ist aufgedeckt, das Schüttrohr ist ausgefahren. Eigentlich müssten jetzt goldene Sojabohnen über das Förderband kullern und in den Laderaum rieseln. Aber es passiert: nichts. Um halb sieben sollte es losgehen. Und jetzt ist es zehn! Keiner weiß, warum. Und Zöller? Bleibt nach mehr als zehn Jahren als Schiffsführer ruhig. Er hat sich mit der Warterei angefreundet. Sagt nur: »Sich aufzuregen, ändert ja nichts.«

Aus dem Steuerhaus seines Frachtschiffs späht der 41-Jährige mit dem Fernglas hinüber ins Kranführerhäuschen an Land, an Kai 4 des Rotterdamer Dintelhaven. Zöller greift zum Funkgerät: »Jetzt regnet sich’s bissle ein«, sagt er, »dann soll er mal wieder raus mit dem Röhrchen, bevor wir den Laderaum nass machen.« Synchron senken seine drei Besatzungsmitglieder ihre Köpfe zu den Funkgeräten. »Noch mal zudecken«, wiederholt Zöller, »das werden wir heute leider öfter machen müssen.«

Tobias Zöller ist selbstständiger Binnenschiffer in sechster Generation. »Partikulier«, wie die Unternehmer im Fachjargon heißen, die auf Deutschlands Wasserstraßen eine wichtige Rolle spielen und viele der rund 1.800 Frachtschiffe betreiben. Seit Wochen müssen sie damit umgehen, dass die Pegelstände des Rheins extrem niedrig sind, gerade erst wurden am Rhein neue Rekordtiefstände gemeldet. Begleitet man Tobias Zöller durch seinen Arbeitstag, merkt man, wie das sein Geschäft verändert.

Zöllers Frachter, die Johannes von Nepomuk, hat schon seinem Großvater gehört. Manchen Geräten im Steuerhaus sieht man an, dass sie aus den Sechzigern stammen. Über einen Röhrenmonitor flimmern Schwarz-Weiß-Bilder der Bordkameras. Gerade läuft sein Steuermann durchs Bild. »Der kennt mich, seit ich 13 bin«, sagt Zöller.

Während Tobias Zöller auf die Sojabohnen wartet, hat er Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Schon als Jugendlicher hat er an Bord mitgearbeitet. Nach einer Binnenschifffahrtslehre und einem Logistikstudium bot sein Vater ihm im Jahr 2014 an, mit 20 Prozent in den Betrieb einzusteigen. Zöller war damals 28 Jahre alt und hatte das Rheinschifferpatent erworben. Also sagte er zu – und führt seitdem als einziger von drei Brüdern die Schifferdynastie weiter, die sein Urururgroßvater im 19. Jahrhundert begründet hatte.

Inzwischen hat Zöller den kompletten Betrieb übernommen und seinem Vater den 185 Meter langen Schubverband abgekauft. Also das Schiff und den sogenannten Schubleichter, der vorn an den Bug gekoppelt wird und den Frachtraum in etwa verdoppelt. Neu kostet ein Schubverband dieser Größe rund zehn Millionen Euro. Zöller sagt, er habe nur einen Bruchteil davon gezahlt, müsse die Kredite aber immer noch tilgen, auch wegen ständig anfallender Reparaturen. »Ist der Dieselmotor kaputt, sind mal eben 20.000 Euro weg.«

Zöllers Handy klingelt. Geht es jetzt weiter? Nein: Es ist der Disponent der MSG, der Binnenschifffahrtsgenossenschaft, in der Zöller eines von rund 60 aktiven Mitgliedern und Aufsichtsratsvorsitzender ist. Über die Genossenschaft erhält er seine Aufträge. Meist erst wenige Tage vor Fahrtantritt. Das erspart es ihm und den anderen Partikulieren, sich selbst darum kümmern zu müssen. Bezahlt wird er ebenfalls über die Genossenschaft, nach Strecke und Tonnage. Den Auftrag über die Sojabohnen, auf die Zöller jetzt um elf Uhr immer noch wartet, hat er vor zwei Tagen erhalten – da war er gerade im niederländischen Terneuzen. Ziel: Mainz, gut 500 Kilometer flussaufwärts.

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