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Wehrpflicht-Debatte: "Sollen doch Merz oder Pistorius zum Bund gehen"

1 week ago 10

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"Soll doch Merz zum Bund"

Wehrdienst gilt wieder: Warum ein Schüler schon jetzt verweigert


Aktualisiert am 14.06.2026 - 11:10 UhrLesedauer: 8 Min.

imago images 0856593199Vergrößern des Bildes

Schulstreik gegen die Wehrpflicht in Berlin: Auch der 17-jährige Schüler Alexander Falke nimmt an den Protesten teil. (Quelle: imago)

Die Wehrpflicht könnte bald zurückkommen. Die Linke berät schon jetzt junge Menschen, die nicht dienen wollen – wie Alexander Falke.

Unter den wachsamen Augen von Gregor Gysi zündet sich Alexander Falke eine selbst gedrehte Zigarette an. Er hat sich gerade noch vom Späti eine koffeinhaltige Limonade geholt und geht nun an der frischen Luft kurz in sich, bevor es losgeht. Denn was ihn an diesem Freitagnachmittag vor das Wahlkreisbüro des bekannten Linkenpolitikers Gysi im Berliner Stadtteil Schöneweide gebracht hat, ist eine Entscheidung, die er für seine Zukunft trifft: Der 17-jährige Gymnasiast möchte auf keinen Fall zur Bundeswehr. Und darum nutzt er ein Angebot der Linken, das sie wegen des neuen Wehrdienstmodells gestartet hat. Linken-Urgestein Gysi aber ist selbst nicht dabei, eine überlebensgroße Pappfigur mit seinem Konterfei lacht dafür aus dem Schaufenster in Richtung Straße.

Seit diesem Jahr ist die Musterung für junge Männer ab dem Jahrgang 2008 verpflichtend. Das Ministerium schreibt alle 18-Jährigen an, um in einem Fragebogen ihre Bereitschaft zu einem mindestens sechsmonatigen freiwilligen Dienst zu erfassen. Männer müssen auf das Schreiben antworten, Frauen können es. Alle Männer sollen zudem auf ihre Eignung geprüft werden. Sollten sich so nicht genug Freiwillige finden, hat die Regierung sich vorbehalten, eine Wehrpflicht einzuführen.

Im politischen Berlin findet das Thema Wehrdienst seitdem nur noch am Rande statt. Doch vor allem Jugendliche beschäftigt es weiterhin sehr. Viele fragen sich: Was antwortet man auf den Brief der Bundeswehr? Was auf eine Einladung zur Musterung? Und was darüber schwebt: Könnte es sein, dass man irgendwann an eine Kriegsfront muss? Auf diese Unsicherheit reagiert die Linke mit ihrem Angebot einer Beratung zur Kriegsdienstverweigerung. "Wir geben Dir Tipps für eine Verweigerung, die sitzt", wirbt die Partei auf ihrer Homepage.

"Ich bin mir sicher, dass es bald eine Wehrpflicht geben wird"

Falke heißt eigentlich anders, sein Name ist der Redaktion bekannt. Er ist ein ruhiger junger Mann, der aus seiner politischen Gesinnung keinen Hehl macht. An diesem Nachmittag trägt er einen schwarzen Pulli der Umweltschutzorganisation Sea Shepherd, sein Tablet zieren Sticker der Antifa und der aktivistischen Bewegung Ende Gelände, die der Verfassungsschutz als linksextremistischen Verdachtsfall einstuft. "Ich bin mir sicher, dass es bald eine Wehrpflicht geben wird", sagt er.

Falke nimmt in dem Ladenbüro an einem großen Tisch Platz, der auch in einem Esszimmer stehen könnte. Ihm gegenüber sitzt Lisa Pfitzmann, 27 Jahre alt und Gesandte der Linksjugend im Bundesparteivorstand der Linken.

Falke hat noch keine Post von der Bundeswehr erhalten, er wird erst in einem halben Jahr 18 Jahre alt. Trotzdem will er vorbereitet sein. Denn er hat sich bereits entschieden und sogar schon ein Verweigerungsschreiben verfasst. Darin nimmt er Bezug auf seine pazifistische Erziehung, seinen christlichen Glauben.

Eine ausgedruckte Version liegt vor Pfitzmann, sie hat einige Stellen angestrichen, sich Notizen gemacht. "Da sind schon gute Punkte drin", sagt sie. "Aber es braucht noch mehr persönliche Erfahrungen." Ziel sei es jetzt, diese gemeinsam herauszuarbeiten. Das geht weit ins Private, in die Kindheit, in innere Überzeugungen. Gar keine leichte Aufgabe, vor allem nicht bei einem Jugendlichen.

"Ich habe da einfach gemerkt, dass Krieg mich abstößt"

Man lese heraus, dass Falke keine KI genutzt habe, das sei schon einmal gut, sagt Pfitzmann. Auch sie ist vorbereitet, hat eine Reihe von Fragen notiert, die die beiden nun Schritt für Schritt durchgehen. Falke scheint das Setting etwas nervös zu machen. Während er erzählt, pult er sich am Ohrläppchen, reibt die Daumen aneinander und versucht doch, auf alle Fragen eine Antwort zu finden. Etwa, wann ihm seine tief verankerte pazifistische Einstellung bewusst geworden sei.

Falke überlegt. "Etwa, als ich zehn Jahre alt war", sagt er, "und ganz viel Shit in den Nachrichten war". Pfitzmann nickt, schreibt auf ihren Zettel und hakt nach: "Weißt du noch, was genau?"

"Ich weiß nicht mehr, was es war, aber ich fand es krass."

"Also die Bilder?"

"Ja, so zerstörte Häuser. Ich habe da einfach gemerkt, dass Krieg mich abstößt."

Er beginnt über Freunde zu sprechen, deren Familien aus Gaza stammten und die über tote und vermisste Angehörige berichteten. Das gehe ihm nahe. Von dem Tod seines Opas wisse er, wie traurig das sei, Familie zu verlieren. Pfitzmann hakt ein: "Das könnte ein Motiv sein". "Also, wenn du etwa schreibst: Mir wurde diese Geschichte erzählt, das und das löst das in mir aus", erklärt sie. Vielleicht könne er an der Stelle noch mal konkret das Gespräch mit den Freunden niederschreiben und beschreiben, "was ihm daran das Herz zerreiße".

Die Wehrpflicht in Deutschland ist seit 2011 ausgesetzt. Dass es sie in naher Zukunft wieder geben könnte, ist aber nicht unwahrscheinlich. Im Mai etwa sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im t-online-Podcast "Vorangedacht", er sehe den freiwilligen Wehrdienst kritisch und prognostizierte, dass bald konkreter über eine Pflicht debattiert werden könnte. Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius hat das stets offen kommuniziert: Sollten sich mit dem neuen Wehrdienstmodell nicht genug Menschen freiwillig melden, dann müsse über eine Verpflichtung gesprochen werden.

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Seit Januar hat die Bundeswehr mehr als 270.000 Fragebögen verschickt. Ein Großteil der Angeschriebenen hat laut Verteidigungsministerium fristgerecht geantwortet: Wie allerdings die Antworten ausfielen, dazu schweigt das Ministerium bisher. Und das schürt die Befürchtungen vor einem Pflichtdienst, vor allem bei jungen Männern wie Alexander Falke.

Wehrdienst oder Kriegseinsatz? Die Grenzen verschwimmen

Bestärkt wird er darin auch von der Partei Die Linke. Seit die Diskussion über die Wehrpflicht aufflammte, warnt sie vor ihr und dem Krieg im Allgemeinen. Als etwa im vergangenen Jahr über ein Losverfahren diskutiert wurde, für den Fall, dass die freiwilligen Meldungen zum Wehrdienst nicht ausreichen sollten, sagte Parteichef Jan van Aken dem "Spiegel", es sei makaber, so zu entscheiden, wer zur Armee müsse: "Es ist praktisch Russisch Roulette: Wer Pech hat, muss in den Krieg, muss sterben." Dass der Wehrdienst erst mal eine Ausbildung ist und nicht automatisch einen Kriegseinsatz zur Folge hat, das lässt die Partei bewusst weg.

Das aber ist die Erzählung, die bei vielen jungen Menschen verfängt. Auch bei Falke: "Ich habe schon große Angst, dass Menschen, die mir wichtig sind, eingezogen werden und dann an die Front müssen und da eventuell sterben."

Noch denkt Falke darüber nach, ob die Verweigerung wirklich der beste Weg ist, um einen Wehrdienst zu vermeiden. "Ich weiß nicht, ob es vielleicht auch schlau wäre, die Musterung zu verfälschen, mit Alkohol oder so was", sagt er und schaut dann fragend zu Pfitzmann. "Also grundlegend ...", setzt sie an und überlegt doch noch mal länger, wie sie es am besten ausdrücken soll. Ausgemustert zu werden, erklärt sie schließlich, bedeute auch, dass die Verweigerung womöglich nicht mehr zähle. Sollte es wirklich hart auf hart kommen und es würden ganz viele Soldaten gebraucht, könnten auch Ausgemusterte wieder herangezogen werden, erklärt sie weiter. "Nun kann man natürlich darüber diskutieren, wie wahrscheinlich ein solches Szenario ist."

Pfitzmann rät Falke: "Wenn du wirklich sichergehen willst, dann ist die Verweigerung der bessere Weg." Sie gehe davon aus, dass – wenn die Wehrpflicht erst mal gelte – die Bundeswehr deutlich strenger mit Verweigerungen umgehen werde. Jetzt sei ein günstiges Fenster.

"Wie man sich entscheidet, ist jedem selbst überlassen"

Es war Pfitzmann, die für die Linke die Kriegsdienstberatungen aufgesetzt hat. Nun sammelt sie selbst Erfahrungen in den Gesprächen, will bundesweit noch weitere Parteimitglieder in der Beratung schulen lassen. Das Angebot werde gut angenommen, aber noch, sagt sie, sei die Nachfrage nicht riesig. Wenn ein Pflichtdienst erst einmal konkreter werde, rechnet sie mit einem deutlich größeren Bedarf an Beratung.

Für die Linke und die Linksjugend Solid ist dieses Angebot nicht nur ein Service für junge Menschen, sondern natürlich auch ein Weg, um sie für die eigene Sache zu gewinnen. Pfitzmann aber ist es wichtig zu betonen, dass in der Beratung niemand zu einer Entscheidung gedrängt werde. "Wir sagen nur: Das und das sind die Konsequenzen", sagt sie. "Wie man sich dann entscheidet, ist jedem selbst überlassen."

Warum er so sicher ist, dass es eine Wehrpflicht geben wird, versucht Falke mit Anekdoten zu erklären: Da seien konkrete Anzeichen, etwa dass in Berlin auf einmal wieder Munition produziert werden soll, erstmals seit 1945. Die Rüstungsfirma Rheinmetall hat das im vergangenen Jahr für ihr Werk im Wedding beschlossen, das bisher ein Zulieferbetrieb für die Autoindustrie war.

Und da sei der weltweit erstarkende Nationalismus. "Damit kommt oft auch so ein Gefühl, wir müssen unser Land verteidigen oder teilweise auch vergrößern." Ob er das in Deutschland gerade sehe? "In Deutschland ist der Hauptpunkt aus meiner Sicht gerade eher, dass die Regierung US-Präsident Donald Trump besänftigen möchte".

Tiefes Misstrauen gegen die Regierung

Was dabei mitschwingt, ist ein tiefes Misstrauen gegen die Regierung. Viele, vor allem junge Menschen in der linken Szene gehen davon aus, dass Deutschland die Gesellschaft darauf vorbereitet, wieder Kriege zu führen, dass die Bundeswehr eben nicht nur für den Verteidigungsfall gerüstet werde. Insbesondere die Aussagen des Verteidigungsministers Boris Pistorius (SPD) gelten ihnen als Beleg: Deutschland müsse bis 2029 "kriegstüchtig" werden, hatte dieser vor zwei Jahren gesagt und in diesem April betont, die Bundeswehr soll die "konventionell stärkste Armee Europas" werden. Die Linksjugend Solid verteilt etwa Sticker, auf denen ein schwarzes Kreuz mit Camouflage-Helm abgebildet ist. Dazu steht geschrieben "Ohne uns".

In ihrer Kritik setzt die Linke dabei nicht nur regelmäßig Begriffe wie Wehrdienst und Kriegseinsatz gleich, auch ihre Erzählung von Reich gegen Arm spielt eine zentrale Rolle. So sind es in den Worten von Parteichef van Aken die Schnösel der CDU, die "unsere Kinder an die Front schicken wollen."

Die sollten selbst erst mal in den Schützengraben gehen, sagte van Aken und brachte im November 2025 eine Lostrommel mit zur Pressekonferenz, um junge Regierungsabgeordnete dafür auszulosen. Sie sollten dann mal berichten, wie sie es darin gefunden haben, so van Aken. Nachdem er den Namen des Abgeordneten Nicklas Kappe gezogen hatte, sagte er: "Das sag’ ich dir jetzt schon, Nicklas Kappe, meine Kinder kriegst du nicht!"

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Auch Falke denkt so: "Wenn man sich Sorgen darüber macht, dass Deutschland angegriffen wird, dann soll man selbst zum Bund gehen und nicht die Jugend schicken." Er hält kurz inne und fügt noch hinzu: "Sollen doch Friedrich Merz und Boris Pistorius zum Bund gehen." Auf den Einwand, dass beide beim Bund gewesen seien, sagt Falke: "Ja, aber dann sollen sie halt wieder in den aktiven Dienst gehen." Zumal ja wahrscheinlich ein Enkel von einem Friedrich Merz nicht dahin müsse, sagt er.

Wie er darauf komme? Er könne sich einfach gut vorstellen, dass ein Merz-Enkel sich da rauskaufe. "Wenn man die Strippen …", fängt Falke an und korrigiert sich. "Strippen" klinge zu böse, findet er, lieber: "Wenn man Verbindungen zu Menschen hat, die Macht haben, dann kann man sich, glaube ich, sehr gut rausnehmen." In seiner Vorstellung ruft der Kanzler bei der Bundeswehr an und verlangt, dass man seinen Enkel von der Liste streicht.

Am Ende geht es um Formalien

Friedrich Merz ist bei jungen Linken längst zum Feindbild geworden. Das zeigt sich auch bei den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht, die seit mehr als einem halben Jahr regelmäßig in ganz Deutschland stattfinden. Auch Falke nimmt an ihnen teil. Von einem dieser Schulstreiks stammt auch der Spruch "Merz leck Eier", der spätestens seit dem 1. Mai bekannter wurde, als Hunderte ihn unter Anleitung eines Linken-Bundestagsabgeordneten im Görlitzer Park in Berlin skandierten. Auch auf Falkes Tablet klebt ein Sticker mit diesem Spruch.

Zum Ende des Gesprächs klärt Pfitzmann noch mal die Formalien mit Falke: Hat er die Adresse, an welche er seine Verweigerung schicken muss? Denkt er an seinen Lebenslauf, der mit eingereicht werden müsse? Sie bittet ihn auch, sich noch mal zu melden, wenn er Antwort erhalten habe: "Das sind wichtige Erfahrungswerte für uns, die wir mit in die Schulungen nehmen können."

Eines aber will Pfitzmann noch klarstellen. Parteichef Jan van Aken habe an einer Stelle Unsinn erzählt. Im Gespräch mit t-online hatte er im vergangenen November gesagt, ein Joint vor der Musterung könne zur Ausmusterung führen. "Das mit dem Kiffen funktioniert so nicht mehr." Damit sei man nicht raus.

Verwendete Quellen

  • Beobachtung von Wehrdienstberatung und Gespräche mit Lisa Pfitzmann und Alexander Falke

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