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Wladimir Putin: Russland wird mit seiner Aggression nicht aufhören, warnt Historiker Martin Schulze Wessel. (Quelle: Alexander Kazakov/reuters)
Wladimir Putin gilt als treibende Kraft des Krieges gegen die Ukraine. Doch das erklärt Russlands Aggression gegen das Nachbarland und Europa längst nicht allein. Was noch dahintersteckt, sagt Historiker Martin Schulze Wessel.
Russland ist hochaggressiv und auf Expansionskurs. Trotzdem erlischt die Hoffnung mancher Menschen in Deutschland nicht, dass mit dem Riesenland zukünftig wieder friedliche Beziehungen denkbar sind. Das ist ein verhängnisvoller Trugschluss, warnt Martin Schulze Wessel. Denn Russland attackiert die Ukraine nicht, weil es sich bedroht fühlt, so der Historiker.
Warum verhält sich Russland so aggressiv? Was will der Kreml erreichen? Und wann könnte ein wirklicher Frieden mit Russland möglich sein? Diese Fragen beantwortet Martin Schulze Wessel, Autor des Buches "Warum Russland nicht aufhören wird", im Interview.
t-online: Professor Schulze Wessel, in Deutschland herrscht nach wie vor Hoffnung, dass Russland seine Aggression beenden könnte und wieder "normale" Verhältnisse möglich sein werden. Besteht da die geringste Hoffnung?
Martin Schulze Wessel: Das ist eine Illusion. Jedenfalls unter der derzeitigen politischen Führung Russlands mit Wladimir Putin an der Spitze. "Russlands Grenze endet nirgendwo", sagte Putin im Jahr 2016, gefolgt im Jahr 2025 von den Worten: "Wohin der Stiefel eines russischen Soldaten tritt, das gehört uns." Damit gibt Putin sein imperiales Programm zu erkennen und spricht so eine furchtbare Drohung aus. Manche sagen, der Krieg sei in der DNA der Russen verankert. Nein, für die russische Aggression gibt es andere Gründe.
Davon handelt Ihr neues Buch "Warum Russland nicht aufhören wird". Weshalb wird Russland von seiner aggressiven Politik nicht ablassen?
Das eigene Territorium auszudehnen, galt in Russland schon im 19. Jahrhundert als wesentlicher Teil der eigenen Identität. Maßgebliche Politiker und Wissenschaftler verstanden Russland als ein Reich, das sich permanent ausdehnte. Heute wird dies wieder aufgegriffen. Wenn es anders wäre, würden Putins gerade zitierte Aussagen keinen Sinn ergeben. Der Anspruch, die eigenen Grenzen auf Kosten der Ukraine auszudehnen, wird in Russland von weiten Kreisen der Bevölkerung mitgetragen. Da sollten wir uns keine Illusionen machen. Deswegen besteht die Grundaussage meines Buches auch in der ernüchternden These, dass Russland nicht aufhören wird: Selbst wenn Putin in einen Waffenstillstand mit der Ukraine einwilligen sollte, was er bislang hartnäckig verweigert, wird Russland ein Staat bleiben, mit dessen Aggressivität wir auf absehbare Zeit rechnen müssen.
Zur Person
Martin Schulze Wessel, Jahrgang 1962, lehrt Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Direktor des Instituts Collegium Carolinum, das die Geschichte Tschechiens und der Slowakei erforscht. Zusammen mit seinem ukrainischen Kollegen Jaroslaw Hrytsak hat Schulze Wessel 2014 die Deutsch-Ukrainische Historische Kommission gegründet. Kürzlich erschien sein Buch "Warum Russland nicht aufhören wird. Sieben Thesen" im Verlag C.H.Beck.
Was bedeutet, dass die deutschen und europäischen Anstrengungen für eine verbesserte Abschreckung Russlands eine langfristige Investition bleiben müssen?
Auf jeden Fall. Es geht darum, Russland mit Stärke, Entschlossenheit und Konsequenz entgegenzutreten. Wo die russische Führung Schwäche wittert, sieht sie Gelegenheiten. Der russische Krieg gegen die Ukraine hätte möglicherweise vermieden werden können, wenn der Westen 2014 nach der russischen Besetzung der Krim nicht derart ambivalent auf die russische Aggression reagiert hätte. Russland nahm sich die Krim, der Westen erließ Sanktionen, kaufte aber weiter Öl und Gas vom Kreml. Von Nord Stream 2 noch ganz zu schweigen. Das war das völlig falsche Signal.
Nun hat Russland es in fast fünf Jahren Krieg nicht geschafft, die Ukraine zu besiegen, die russischen Verluste sind exorbitant. Erklärt sich diese Verbissenheit auch mit dem imperialen Komplex, der in Russland seit Jahrhunderten herrscht?
Anders lässt es sich gar nicht erklären. Russland erbringt diese irrwitzigen Opfer für die Eroberung kleiner Territorien in der Ukraine. In der größeren Perspektive geht es Russland aber auch um die Ausübung von Hegemonie. Es will die alte Großmachtrolle zurückhaben. Im Afghanistankrieg von 1979 bis 1989 hatte die Sowjetunion rund 15.000 tote Soldaten zu beklagen, diese Zahl galt damals gegenüber der sowjetischen Bevölkerung als nicht mehr vermittelbar. Im Krieg gegen die Ukraine büßt Russland derzeit etwa 35.000 Tote und Schwerverletzte ein – pro Monat! Aber Russland macht weiter. Um diesen Irrsinn zu verstehen, muss man Russlands imperiale Geschichte heranziehen.
Bitte.
Wie viele andere Reiche expandierte Russland im Laufe der Zeit, mit zwei Besonderheiten: Es war bei der Expansion außergewöhnlich erfolgreich und die Expansion prägte nachhaltig sein Selbstverständnis. Das im 13. Jahrhundert gegründete Fürstentum Moskau war zunächst eine kleine und überschaubare Territorialherrschaft. Relativ unbedeutend noch dazu. Binnen weniger Jahrhunderte ist es dann in einem geradezu atemberaubenden Tempo zu einem transkontinentalen Imperium und zur größten Landmacht der Welt angewachsen.
Dabei profitierte Moskau vom Niedergang zweier einst weit mächtiger Reiche.
Richtig. Das eine war die mittelalterliche Kiewer Rus, aus der neben Russland auch Belarus und die Ukraine ihre Staatlichkeit herleiten. Der andere Staat war die Goldene Horde, ein Nachfolgestaat des Reiches von Dschingis Khan, von dem es die asiatischen Territorien übernahm.
Es wird heute in Russland nicht gerne gehört, aber die Moskauer Fürsten waren dem Khan der Goldenen Horde einst tributpflichtig.
So ist es, ja. Das Besondere an der territorialen Geschichte Russlands ist, dass sie die Identität des Staates so tief beeinflusst hat. In Moskau gibt es etwa das Museum der Geschichte Russlands, das in einer interaktiven Karte die territoriale Expansion Moskaus über das Petersburger Imperium bis hin zur Sowjetunion und heute zeigt. Dabei wird detailliert demonstriert, wie viele Quadratkilometer jeder einzelne Herrscher zur Expansion Russlands beigetragen hat. Da ragen dann natürlich Zar Peter I., Zarin Katharina II., Zar Alexander II. und Josef Stalin hervor.
Will sich nun Wladimir Putin in diese Liste einreihen?
Diese Vermutung liegt nahe. Hybris, das heißt das Bedürfnis, eine große historische Rolle wie die genannten Zaren zu spielen, ist bei Putin in seinem Krieg gegen die Ukraine nicht zu verkennen. Putins Vorgehen entspricht dem historischen Muster, in das sich russische Herrscher in die Geschichte eingeschrieben haben: Landerwerb, Vergrößerung des Imperiums, erfolgreiche Kriege. In den russischen Geschichtsbüchern spielt auch heute noch das sogenannte "Sammeln der russischen Erde", also die Eroberung der einst zur Kiewer Rus gehörenden Territorien, eine Rolle. Wer dazu einen Beitrag leistet, schreibt sich positiv in das offizielle Geschichtsbewusstsein ein. Darum geht es heute wieder.
Zusätzlich führt der Mythos von Moskau als drittem – und letztem – Rom zu einer Radikalisierung.
Nach den Untergängen von Rom und Byzanz – also dem weströmischen und dem oströmischen Reich – galt Moskau als besagtes "drittes Rom", nach dem kein weiteres kommen werde. In der Frühen Neuzeit hat diese Legitimationsgeschichte, die gleichzeitig eine eschatologische Endzeitgeschichte ist, keine große Wirkung entfaltet. Aber russische Philosophen haben das "dritte Rom" im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt und dann populärer gemacht. Das entfaltet heute noch seine Wirkung. Der russische Patriarch Kyrill hat vor wenigen Monaten, im Juli 2026, ein neues Buch veröffentlicht, in dem er von der Pflicht der Russen zum Siegen spricht. Daran zeigt sich die hohe religiöse Bedeutung, die der Patriarch diesem russischen Krieg gegen die Ukraine gibt.
Nun hat auch Russland in seiner Geschichte bei seiner Expansion immer wieder gestoppt. Gerade wenn es auf andere Mächte stieß, die als ebenbürtig betrachtet wurden.
Ja, es gibt keine lineare, ununterbrochene Ausdehnung Russlands. Die russische Expansion wurde zum Halten gebracht, wenn sich andere Mächte ihr in den Weg stellten. Und wie Sie richtig sagen: Russland musste diese Mächte als ebenbürtig ansehen. So war es beim russischen Vorstoß nach Osten: Die chinesische Gegenwirkung führte zum russischen Einlenken und zum Vertrag von Nertschinsk im Jahr 1689, der eine längere Periode des Friedens begründete.
Auch im Westen stieß die russische Expansion zuweilen auf Gegenwehr.
Ja, so wollte Moskau bereits im 16. Jahrhundert den Zugang zur Ostsee erzwingen, dabei stieß es allerdings auf den entschiedenen Widerstand von Schweden und Polen-Litauen. Es war Iwan IV., auch der Schreckliche genannt, der den Konflikt vom Zaun brach. Dabei rechnete der Zar mit einer kurzen Militäraktion, als er 1558 seine Truppen in Livland einmarschieren ließ, um es zu annektieren. Es folgte aber ein Konflikt, der ein Vierteljahrhundert dauern sollte. Zunächst war Iwan IV. erfolgreich, aber genau das rief Schweden und Polen-Litauen auf den Plan. Der russische Krieg endete in einem Fiasko, der Moskauer Staat wurde wieder von der Ostsee abgeschnitten. Polen-Litauen und Schweden waren militärisch ebenbürtige Mächte, sie gingen koordiniert vor, und so gelang es ihnen, Russland einzudämmen.
Iwan IV. trug seinen Beinamen zu Recht. Nach seinem Tod versank Russland im Chaos, das bis heute für Beunruhigung sorgt. Was war da los?
Zar Iwan IV. war gescheitert, weil Schweden und Polen-Litauen die geopolitische Herausforderung erkannt hatten und ihr begegnet waren. Für Russland war die Niederlage in jeder Hinsicht ein Desaster. Einmal außenpolitisch, aber auch innenpolitisch. Denn der Livländische Krieg, den der Zar leichtfertig begonnen hatte, verursachte für Russland Kosten, die es nicht mehr tragen konnte. Als 1598 die Dynastie der Rurikiden endete, geriet Russland in eine Existenzkrise.
Diese Phase wird als "Smuta", die "Zeit der Wirren", bezeichnet.
Ja, Aufstände erschütterten das Land, die Herrscher auf dem Thron wechselten in rascher Folge. Russische Eliten akzeptierten in dieser Notlage sogar einen Sohn des polnischen Königs Sigismund III. als neuen Zaren in Moskau. Mehr noch: Das orthodoxe Russland drohte vom katholischen Polen-Litauen absorbiert zu werden. In Moskau stand eine polnische Garnison. In der Erzählung von der "Smuta" waren es Ausländer und Verräter im Inneren, die die fundamentale Krise Russlands verursacht hatten, nicht der Zar mit seinem irrwitzigen Krieg. Eine Konsolidierung bahnte sich erst an, als die Romanows 1613 den Zarenthron übernahmen, ihre Herrschaft nach innen autokratisch ausbauten und nach außen wieder auf Expansionskurs gingen.
Womit sich der Kreis des "Smuta"-Mythos schließt?
Dieser Wiederaufstieg Russlands als autokratische und expansive Macht ist auch Teil des historischen Mythos. Die Erzählung ist deshalb so problematisch, weil sie die wirklichen Gründe für die Krise – das militärische Abenteuer und die innere Terrorherrschaft Ivans IV. – ausblendet und stattdessen Ausländer und innere Verräter verantwortlich macht. Zugleich wird der Wiederaufstieg unter Michail Romanow im "Smuta"-Mythos mit imperialen und autokratischen Elementen verknüpft, die Russland in die Krise geführt hatten.
Bis heute lebt das Trauma der "Smuta" weiter im russischen Gedächtnis?
Ja, in späteren Krisen erinnerte man sich in Russland immer wieder daran und deutete die chaotische Gegenwart mit dem Blick auf die Vergangenheit der "Smuta". Eine lange Krisenperiode begann mit den russischen Revolutionen von 1905 und 1917 und führte in einen extrem blutigen russischen Bürgerkrieg. Wieder war von einer "Smuta" die Rede, wieder gab man die Schuld den Ausländern und Verrätern im Inneren. So wie Putin die Erzählung von der "Smuta" sogleich als sein "Drehbuch" entdeckt hat: Die Zentralisierung der Macht im Inneren und der Krieg nach außen sind umso legitimer, je größer sich die innere und äußere Gefährdung Russlands darstellt.
Lag angesichts der Wirren der Neunzigerjahre in Russland nach dem Ende der Sowjetunion Putins Bezug auf den "Smuta"-Mythos nicht nahe?
Putin hat das begierig aufgegriffen. Der "Smuta"-Mythos wurde zu einem ideologischen Baustein des Putin-Regimes. Dieser Mythos hat zwei Seiten: Da ist der Mythos des Machtverfalls, des Chaos, auf der einen Seite, dann der positive Mythos, der des Wiederaufstiegs aus dem Chaos heraus, auf der anderen. Putin stellt sich selbst so dar, dass er das von Ausländern und Verrätern im Innern verursachte Chaos der 1990er-Jahre durch eine Konsolidierung nach innen und Machtpolitik nach außen überwunden hat. Tatsächlich führt Putin mit seiner Kriegspolitik Russland nur noch tiefer in die Krise.
Ein anderer Mythos, dessen sich das Putin-Regime gerne bedient, ist Peter I., auch als "der Große" bekannt.
Peter I. gelang, woran Ivan IV. gescheitert war: der Durchbruch an die Ostsee. Ihm stand keine europäische Staatenkoalition mehr im Weg. Im Gegenteil, im Großen Nordischen Krieg von 1700 bis 1721 unterstützten Polen-Litauen und Dänemark den russischen Angriff auf Schweden. An einem entscheidenden Wendepunkt des Krieges im Jahr 1719, als Großbritannien eine große europäische Koalition gegen Russland zusammenbringen wollte, stellte sich Preußen auf die Seite Russlands. Zwei Jahre später konnte Russland Schweden einen Frieden aufzwingen, der die russische Hegemonie an der Ostsee begründete.
Mit Hilfe von Preußen und Österreich sollte Russland dann noch weiter gen Westen vorrücken – und zwar auf Kosten Polens.
Nach den drei Teilungen von 1772, 1793 und 1795 gab es den Staat Polen-Litauen nicht mehr, sein früheres Staatsgebiet gehörte nun zu Russland, Preußen und Österreich. In seiner historischen Bedeutung kann man dieses Ereignis kaum überschätzen. Edmund Burke, der große konservative Denker, erkannte bereits damals, dass die Teilung Polens 1772 "der erste große Einbruch in das moderne politische System Europas" sei. "Die große westliche Republik" sei nun als Ganze infrage gestellt. Welche langfristigen Folgen all das später für das europäische Staatensystem zeitigen sollte, hat Burke damals bereits hellsichtig beschrieben.
Russland punktete also, als andere Mächte mit ihm kooperierten.
Denken wir zurück, wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im letzten Jahr im Weißen Haus behandelt worden ist. Nicht nur in Polen hat man sich daran erinnert, wie Großmächte einst über die Köpfe der Betroffenen über ihr Schicksal bestimmt haben. Das erinnerte an die Machtpraktiken des 18. und auch des 20. Jahrhunderts.
Russland habe keine Grenzen, hat Wladimir Putin behauptet. Wie weit wird Russland jetzt beim Versuch der Wiederherstellung seines Imperiums gehen?
Russland geht so weit, wie wir es gehen lassen. Russlands imperialer Anspruch lässt sich in konzentrischen Kreisen beschreiben. Es gibt einen engeren Bereich dessen, was man als ethnisch-russisch bezeichnen könnte. Dann gibt es einen erweiterten Kreis der Ostslawen und der orthodoxen Ostslawen. Wozu Belarus und die Ukraine gehören: Aus diesem Identitätskonzept heraus führt Russland auch seinen Krieg gegen die Ukraine. Es gibt aber auch darüber hinausgehende Konzepte wie das Eurasiertum, das heute in den kremlnahen Thinktanks eine große Rolle spielt. Demzufolge gibt es eine zivilisatorische Gemeinsamkeit von Russland und Asien, und dieses gewaltige Landreich wirkt als Hegemonialmacht auf Mittel- und Westeuropa ein. In diesem Konzept ist Europa nur ein politisch willenloser Subkontinent des großen Machtzentrums Eurasien.
Sie zitieren neben Edmund Burke einen weiteren scharfsinnigen Denker – und zwar Sergei Witte, der Zar Nikolaus II. Anfang des 20. Jahrhunderts als Regierungschef gedient hatte.
Witte hatte erkannt, dass es "seit der Zeit Peters des Großen und Katharinas kein Russland mehr gegeben hat: Es gab nur noch das Imperium". Das bringt Russlands Problem messerscharf auf den Punkt. Diese Selbsttäuschung begeht aber nicht nur Russland, sondern auch viele Europäer. Das ist gewissermaßen auch der Preis, den Russland für seine imperiale Geschichte zahlt. Indem Russland seine Grenzen immer weiter vorschob, hat es nie definieren müssen, was eigentlich "russisch" ist und was nicht. Es gibt bis heute nur eine sehr diffuse Vorstellung von dem Eigenen und dem Fremden.
Ihr Buch ist Warnung und Appell zugleich, dass Russland nicht mit seiner Aggression aufhören wird. Ist denn jede Hoffnung auf eine friedliche Zukunft mit Russland illusorisch?
In der Tat habe ich das Buch mit einer Sorge geschrieben: Wenn wir in der Unterstützung für die Ukraine nachlassen oder wie jetzt Trump in seinem fatalen Dieseldeal Signale an Putin geben, dass wir zur alten Politik der Unentschiedenheit und Ambivalenz zurückkehren, verlängern wir den Krieg. Wenn Russland durch westliches Versagen aus dem Krieg, den es angesichts der horrenden russischen Verluste auf dem Schlachtfeld nicht gewinnen kann, doch als Sieger hervorgeht, dann dehnt sich das brutale russische Besatzungsregime weiter auf die Ukraine aus. Und die westlichen Nachbarn Russlands, auch Deutschland, werden in den Sog der russischen Hegemonie geraten. Wir werden dann vom Kreml erpressbar sein. Das ist das leider realistische Negativszenario.
Muss es so schlimm kommen?
Genauso realistisch ist ein positives Szenario. Es hängt von uns ab, welches Szenario eintritt: Wenn die Europäer und nicht zuletzt die Deutschen der russischen Aggression koordiniert und mit langem Atem begegnen, gibt es die Chance, dass Russland einlenkt und endlich einem Waffenstillstand zustimmt. Dann könnte ein fairer Frieden ausgehandelt werden. Nur auf diesem Weg besteht die Möglichkeit, dass wir zu einer neuen Ordnung in Europa gelangen, die langfristig hält – wie die europäischen Friedensverträge, die den Dreißigjährigen Krieg oder die Napoleonischen Kriege beendet haben. In einer solchen Ordnung könnte auch Russland zu sich selbst finden. Krieg und Autokratie sind nicht Bestandteile der russischen DNA, sondern gehören zu einem langen Irrweg in der russischen Geschichte.
Vielen Dank für das Gespräch, Professor Schulze Wessel.
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