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Ukraine-Krieg: Selenskyj gibt klares Ziel für Waffenstillstand aus

12 hours ago 1

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Baldiger Waffenstillstand?

Jetzt gibt Selenskyj ein klares Ziel aus


04.06.2026 - 09:03 UhrLesedauer: 6 Min.

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Wolodymyr Selenskyj bei seinem Besuch in Schweden in der vergangenen Woche: Der ukrainische Präsident bittet um mehr Hilfen für die ukrainische Luftverteidigung. (Quelle: IMAGO/Christine Olsson/TT/imago)

Russland und die Ukraine überziehen sich mit neuen Drohnen- und Raketenangriffen. In Kiew rückt derweil ein Termin ins Zentrum, der den Kurs der nächsten Monate prägen könnte.

Mindestens 23 Tote, 102 Verletzte, dichte Rauchschwaden, Wohngebäude in Schutt und Asche. Das ist die vorläufige Bilanz eines weiteren russischen Angriffs mit mehr als 700 Drohnen und Raketen, der die Ukraine in der Nacht auf Dienstag schwer getroffen hat. Die meisten Menschen starben in der südukrainischen Stadt Dnipro, aber auch in Kiew gab es mehrere Todesopfer und Dutzende Verletzte.

Am Mittwoch antwortete die Ukraine. Drohnen flogen auf mehrere Regionen Russlands – vor allem aber auf Sankt Petersburg, wo eine Ölanlage getroffen wurde. Dort startete am Mittwoch auch das russische Wirtschaftsforum. Unternehmer, Politiker und Influencer aus allen Teilen der Welt besuchen daher derzeit die Metropole im Westen Russlands. Statt neuem Schwung für die russische Wirtschaft gab es aber zunächst mehrere Verletzte, beschädigte Gebäude und eine schwarze Rauchsäule über Sankt Petersburg.

Im Video | Heftige Explosionen vor Putin-Treffen

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Quelle: t-online

Inmitten immer heftigerer gegenseitiger Angriffe ist mittlerweile regelmäßig aus Kiew zu hören, dass der Krieg sich dem Ende zuneigen könnte. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gibt nun sogar das Ziel aus, dass der Krieg möglichst noch vor dem Winter über Verhandlungen beendet werden solle. Russland verliere derzeit mehr Territorium als es erobere, sagte er am Wochenende dem US-Sender CBS: "Ich denke also, dass wir im Winter – oder besser gesagt, noch vor dem Winter – einen Weg finden müssen, einen diplomatischen Weg, um uns zusammenzusetzen und zu reden."

Bis dahin sind es noch knapp sechs Monate. Das Zeitfenster ist also knapp bemessen. Dennoch hat die Ukraine aus ihrer Sicht valide Gründe für das gesetzte Ziel – sowohl aus militärischen als auch aus politischen Gründen. Ob Selenskyjs Frist in die Tat umgesetzt werden kann, ist dennoch fraglich.

Ukraine setzt Russland militärisch unter Druck

Seit Jahreswechsel gewinnt die Ukraine durch militärische Erfolge zunehmend an Selbstbewusstsein. Einerseits hat sich das Personalproblem, das die ukrainische Armee lange plagte, in diesem Jahr etwas entspannt: Es gibt weniger Fahnenflucht, bessere Ausbildung für neue Rekruten und infolgedessen auch eine bessere Rotation der Einheiten an der Front. Außerdem setzt die Ukraine den Kreml mit Drohnenangriffen unter Druck: sowohl in Russland selbst mit Schlägen vor allem gegen die Ölwirtschaft. Aber auch in den besetzten Gebieten mit einer systematischen Kampagne gegen die russische Kriegslogistik im Süden der Ukraine.

Dazu kommen zunehmende Probleme auf der russischen Seite. Denn die Ukraine konnte in diesem Frühjahr den russischen Vorstoß auch deshalb anhalten, weil die Kampfkraft der Kremltruppen nachlässt: Neue Soldaten sind schlecht ausgebildet, seit mehreren Monaten liegen die Verluste an der Front höher als die Rekrutierungen in Russland und offenbar mangelt es auch an realistischen Einschätzungen der Frontlage.

Militärbeobachter gehen davon aus, dass russischen Kommandeuren vor allem Erfolge gemeldet werden, Rückschläge eher nicht. Es könnte also eine Diskrepanz zwischen den Annahmen der Militärführung und der Realität geben, die sich bis in die oberste Ebene im Kreml durchzieht. Die potenziellen Folgen: fehlgeleitete Einsatzbefehle, steigende Verluste und weitere Rückschläge an der Front.

"Ich denke, die nächsten sechs bis neun Monate sind ein Wendepunkt"

Angesichts dessen sprach Andrij Bilezkyj, Brigadegeneral und Kommandeur des dritten Armeekorps der Ukraine, bereits von einem anstehenden "Wendepunkt" im Krieg. Die russische Armee sei ermüdet und nicht in der Lage, entscheidende Durchbrüche zu erzielen, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Ich denke, die nächsten sechs bis neun Monate sind ein Wendepunkt."

Gelinge es der Ukraine, ihre neu erlangte Initiative in dieser Zeit aufrechtzuerhalten, könne es zu Vorstößen an der Front kommen. Russland könne so sogar dazu gezwungen werden, sein Ziel der Donbass-Eroberung aufzugeben, prognostizierte Bilezkyj. Vor allem die kommenden sechs Monate seien dabei am kritischsten.

Ob diese Einschätzung der Realität entspricht, ist fraglich. Denn Russland hat eben aktuell nur noch ein Kriegsziel, das vom Kreml zumindest öffentlich deutlich artikuliert wird: Der Donbass soll vollständig erobert werden. Und das am besten bis zum Jahresende.

Putin rückt noch nicht von seinem Ziel ab

Experten gehen jedoch davon aus, dass das für die Kremltruppen kaum machbar ist oder es zumindest Jahre dauern könnte – auch wenn die russische Armee derzeit in Richtung der Stadt Kostjantyniwka in Donezk langsame Fortschritte macht. Die Stadt ist jedoch nur eine von vier Festungen, die die Russen von der Eroberung des Donbass abhalten sollen. Dieser sogenannte Festungsgürtel der Ukraine ist Russlands größtes Hindernis auf dem Schlachtfeld im Osten des Landes.

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Dass Putin von diesem Ziel abrückt, gilt aus heutiger Sicht als unwahrscheinlich. Innenpolitisch wäre es schwer zu verkaufen, dass Russland in den vergangenen mehr als vier Jahren Krieg Hunderttausende Menschenleben geopfert hat, ohne aber seine Minimalziele vollständig zu erreichen. Allerdings kann sich der Kremlchef auch keinen endlosen Krieg leisten, denn besonders die russische Wirtschaft leidet darunter. Zusätzlich setzen ihr ukrainische Drohnenangriffe zu, die mit dem weiteren Kriegsverlauf voraussichtlich nicht weniger werden.

Putins womöglich einziger militärischer Ausweg aus dieser Situation wäre eine neue Mobilisierung in Russland. Bislang setzt der Kreml noch auf finanzielle Anreize zur Rekrutierung neuer Soldaten. Würde er auf eine breitere Mobilisierung umschwenken, könnte das massive gesellschaftliche Verwerfungen zur Folge haben. Bereits die erste Mobilisierungswelle im Herbst 2022 hatte zur Ausreise Hunderttausender Russen geführt. Außerdem könnte eine Mobilisierung die Probleme der russischen Wirtschaft verschlimmern. Denn ihr fehlt es besonders an Arbeitskräften. Ziehen aber mehr Menschen in den Krieg, fehlen sie in der Produktion.

Kreml fordert von Selenskyj, den Krieg zu beenden

So scheint die ukrainische Hoffnung aktuell darauf zu liegen, dass Putin diese Lage zeitnah einsieht und dann womöglich zum Entschluss kommt, dass ein Waffenstillstand die gesichtswahrende Option für ihn wäre. Aktuell gibt es jedoch keine Anzeichen dafür, dass es bald so weit sein könnte.

Noch am Dienstag erklärte Putins Sprecher Dmitri Peskow mit Blick auf die Äußerungen aus Kiew, dass der Krieg "noch heute" beendet werden könne. "Damit dies geschieht, muss Selenskyj seinen Streitkräften den Befehl erteilen, sich aus dem Gebiet der russischen Regionen zurückzuziehen." Damit meinte Peskow die besetzten Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja in der Ukraine, die Russland völkerrechtswidrig annektiert hat, ohne sie in Gänze zu kontrollieren.

Die Ukraine möchte sich von der Absage aus Moskau aber offenbar nicht beeindrucken lassen. Selenskyjs Präsidialamtschef Kyrylo Budanow erklärte zu Wochenbeginn auf einer Konferenz, dass er alles daransetzen wolle, um das vom Staatschef gesetzte Ziel eines Waffenstillstands bis Winter zu erreichen. "Es ist absolut richtig, zeitgemäß und gut durchdacht", sagte Budanow. Schon jetzt gebe es Anzeichen dafür, dass "die Grundlage für eine Einstellung der Kampfhandlungen bereits vorhanden ist". Welche Anzeichen er genau meinte, führte der ehemalige Geheimdienstchef nicht aus.

Russland eskaliert seine Luftangriffe

Denn die Zeichen stehen auf weitere Eskalation. Russland attackiert nämlich die Ukraine vor allem aus zwei Gründen immer wieder mit heftigen Luftangriffen: Einerseits will der Kreml vor dem heimischen Publikum den ukrainischen Treffern im russischen Hinterland etwas entgegensetzen und die eigene Schwäche herunterspielen. Dieses Motiv könnte zu noch heftigeren Schlägen in den kommenden Wochen führen.

Andererseits aber wähnt Russland die Ukraine auch an einem schwachen Punkt: Der Luftverteidigung mangelt es an Abfangraketen, mit denen russische ballistische Raketen effektiv bekämpft werden können. Auch deshalb sind die Opferzahlen bei solchen Angriffen in der Ukraine derzeit so hoch. Und auch daher dürfte Selenskyjs neues Ziel rühren. Denn wenn die Abfangraketen vor dem Winter weiter zur Neige gehen, steht die Luftverteidigung mit Blick auf eine mögliche neue russische Luftkampagne gegen die ukrainische Energieinfrastruktur denkbar schlecht da.

Für die Ukraine geht es also in den kommenden Monaten um zwei Dinge: Erstens muss sie besonders die Europäer dazu bringen, die ukrainische Luftverteidigung besser zu unterstützen. Dafür ist Europa allerdings auf die USA angewiesen, die mit dem Patriot-System die bislang effektivste Abwehrwaffe gegen russische Raketen produzieren. Mit dem Krieg im Nahen Osten hat Washington seine Patriot-Arsenale jedoch selbst deutlich dezimiert und wird kaum Abfangraketen abgeben. Kiew hat in den USA bereits nach Lizenzen zur Produktion von Patriots in der Ukraine gefragt. Vergleichbar effektive europäische oder heimische ukrainische Systeme sind derzeit nicht auf dem Markt.

Immerhin aber hatten zuletzt Finnland neue Militärhilfen im Wert von rund 130 Millionen Euro und Schweden die baldige Lieferung von 16 Gripen-Kampfjets sowie weitere Flieger für die kommenden Jahre zugesagt.

Russische Militärbeobachter sprechen Warnungen aus

Zweitens will die Ukraine Russland weiter unter militärischen Druck setzen und diesen möglichst noch erhöhen. Aktuell scheint das zu funktionieren. Zumindest warnte der in Russland inhaftierte ehemalige Separatistenführer Igor Girkin bereits, dass die Ukraine eine Offensive in Richtung Krim starten könnte, um Kremltruppen im Süden des Landes zu isolieren. Andere Militärblogger fürchten, dass Russland angesichts des Drucks der Ukraine im Laufe des Jahres sogar die Option verlieren könnte, mit Verhandlungen die aktuelle Front einzufrieren.

Noch bleibt es bei diesen Befürchtungen. Denn Russland könnte es ebenso gelingen, ein wirksames Mittel gegen die ukrainische Drohnenkampagne zu finden und Kiew so sein Druckmittel zu nehmen. Ob die Ukrainer trotz ausgedünnter Reihen in ihren Streitkräften tatsächlich einen Durchbruch erzielen könnten, ist ebenso fraglich. Doch angesichts der Ziele beider Parteien dürfte der anstehende Kriegssommer in jedem Fall brisant werden.

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