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Ukraine-Krieg: Russland bleiben nur zwei Optionen

6 days ago 9

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 Russland hat nur zwei Möglichkeiten im Ukraine-Krieg, meint Wladimir Kaminer.Vergrößern des Bildes

Wladimir Putin: Russland hat nur zwei Möglichkeiten im Ukraine-Krieg, meint Wladimir Kaminer. (Quelle: Alexander Kazakov/reuters)

Die Ukraine hält stand, da kann der Kreml noch so viele Drohnen und Bomben schicken. Aber wo soll das für Russland enden? Das fragt sich Wladimir Kaminer.

Am Boden steckt der Krieg schon lange in einer Sackgasse. Es gibt weder für Russen noch für die Ukrainer ein nennenswertes Vorankommen, obwohl beide Seiten unentwegt von militärischen Erfolgen und Eroberungen berichten. In diesem idiotischen Krieg gab es von Anfang an nichts "Wirkliches" zu erobern, die Topografie der militärischen Operationen der vergangenen Jahre besteht nur aus Ruinen: Bachmut, Marjinka, Soledar, Städte, platt geschossen, von Menschen verlassen. Der aktive Krieg findet in der Luft und in den Köpfen statt, und da verändert er sich schneller, als beiden Seiten lieb wäre.

Es gelten keine Regeln mehr, hatte der russische Präsident gesagt, russische Drohnen machen auf Kiewer Brücken auf Privatautos Jagd, Lokomotiven des Zivilverkehrs werden vernichtet, die Energieversorgung wird gekappt. Das frisch gewählte russische Parlament, gestärkt durch die dazugestoßenen Veteranen in den Reihen der Volksvertreter, haben Ende September ein beispielloses Kriegsbudget verabschiedet, das eindeutig auf eine bevorstehende Intensivierung der Militärhandlungen hinweist.

(Quelle: Frank May)

Zur Person

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Russendisko". Kaminers aktuelles Buch "Müttertage. Geschichten von den Heldinnen des Alltags" ist im August 2026 erschienen.

Woher das Geld nehmen? Die Oligarchen allein können mit ihren großzügigen unfreiwilligen Gaben diesen Krieg nicht finanzieren. "Er sei nur zu gewinnen", so der Präsident, "wenn alle Bevölkerungsschichten ihren Beitrag leisten." Tatsächlich bestätigte das Finanzministerium, dass die Bevölkerung Unsummen auf den Konten hält, Rubel, die verschimmeln. Anstatt ihr Erspartes zu horten, sollten sie dieses Geld dem Staat leihen, für einen "guten Zweck".

Die Finanzbehörden brachten das Thema Kriegsanleihen zur Sprache. Die Reaktion der "Bevölkerungsschichten" ließ nicht lange auf sich warten. Trillionen Rubel wurden von den Konten abgehoben und heimgetragen. Die Bevölkerung ist nicht blöd, sie hat schon längst kapiert, dass diese Armee das Versprochene nicht liefern kann. Der Gegner startete die Militäroperation "Vivaldi" und hat nun einen Teil der besetzten Territorien zurückerobert. Die Bevölkerung möchte nur, dass der Krieg aufhört, egal, wie das Ende heißen mag.

Nicht stehen bleiben

Der Oberbefehlshaber weiß es, doch er hat einen neuen Plan. Wenn es am Boden nicht funktioniert, dann in den Köpfen. Dem Gegner Angst einzujagen, würde seine Position stärken. Deswegen wird vor allem die ukrainische Hauptstadt ununterbrochen bombardiert: Die Bombardierung soll den Druck auf die ukrainische Führung erhöhen, die Bürger sollen sich gegen ihre Regierung wenden und eine Kapitulation erzwingen, nach dem Motto "Besser unter Russen als unter Bomben leben".

Dieser Plan ist in der Vergangenheit nicht aufgegangen, er wird auch jetzt nicht aufgehen. Die Menschen in der Ukraine wissen: Sich zu fürchten bringt nichts, die Angst gebiert nur Panik und ist ein schlechter Ratgeber. Man soll den klaren Verstand nicht verlieren, sich auf den Winter vorbereiten und versuchen, den Feind maximal zu schwächen. Wie der britische Kriegspremier Churchill es einmal gesagt haben soll: "Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter" Denn wer in der Hölle stehen bleibt oder sich umdreht, riskiert, niemals herauszukommen.

Die Ukrainer verteidigen sich hart. Aber Europa? Vielleicht liegt da der Schlüssel zum russischen Sieg? Vor allem Deutschland ist für seine "German Angst" bekannt; es ist ein weitverbreitetes Klischee, dass Vorsicht unser zweiter Name ist. Wenn die deutsche Unterstützung für die Ukraine wankt, könnte der Kreml diese Tatsache schon allein als Sieg auslegen.

Unter Androhung eines direkten Konflikts würde Deutschland sofort kuschen und die Ukraine in Stich lassen, so der neue Plan des Präsidenten. Deswegen zitierte er neulich auf dem Waldai-Forum bei seinem offiziellen Auftritt, auf Atomwaffen angesprochen, den russischen Schriftsteller Tschechow:

"Wenn im ersten Akt ein Gewehr auf der Bühne hängt, muss es im letzten Akt abgefeuert werden."

Er gab deutlich zu verstehen, dass er zu keinen Kompromissen bereit ist und eine Feuerpause für ihn nicht infrage käme. Die Europäer sind aus der Sicht der russischen Führung ein anderer Menschenschlag, sie hätten viel mehr zu verlieren und ließen sich leichter einschüchtern. Bis jetzt agierte Europa in diesem Krieg sehr distanziert. Ein russischer Politologe nannte die europäische Taktik in diesem Konflikt: "Das vorsichtige Abmelken des großen Bären".

Nur zwei Lösungen

Man sollte dem Bären dabei nicht wehtun und ihn nicht zu sehr ärgern, damit er nicht durchdreht. Sondern eher langsam, Tropfen für Tropfen, die schwarze Milch des Krieges abpumpen, bis das Bärchen wieder eine Wespentaille bekommt. Der Bär, so war die Hoffnung, wird viel zu spät seinen abgemagerten Zustand bemerken, die Pfoten hochheben und zurück in den Wald laufen. Also wurde die Ukraine für diese undankbare Aufgabe als Melkerin angestellt; da sie als Erste vom Bären angegriffen wurde, konnte sie diese Einladung nicht ausschlagen.

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Inzwischen wachsen Zweifel, ob diese Strategie die einzig richtige war. Der Bär ahnt etwas, er schaut hinter die Melkerin und brüllt. In dieser Situation wäre zu empfehlen, mit einem ruhigen Blick nach vorn zu schauen. In Abwesenheit eines Kompromisses liegen zwei Varianten zur Beendigung dieses unsäglichen Krieges auf dem Tisch: der russische Sieg oder die russische Niederlage. Beide unterscheiden sich in der Realität nicht wesentlich voneinander: Die Toten werden nicht wiederauferstehen, die kaputten Städte bleiben in absehbarer Zukunft kaputt.

Am Ende werden es also in beiden Fällen Papierzeugnisse sein. Es geht einzig und allein um die Bewertung des von Russland geleisteten Unsinns. Wenn die vorhandene Situation als russischer Sieg anerkannt wird, würde das eine weitere Isolation Russlands bedeuten, ein erneutes Aufziehen des Eisernen Vorhangs, nur diesmal zehn Zentimeter höher. Auf Jahrzehnte ausgedehnt, wird eine solche Falle den Bären rasch wieder anschwellen lassen. Die Niederlage würde dagegen eine Tür für Russland eröffnen, zurück in die Normalität.

Dies würde ein langwieriger Prozess sein, verlangsamt durch die aktuelle politische Situation und das Regime im Kreml, doch die Niederlage hätte am Ende die Aussicht auf ein Happy End. Langfristig gesehen wäre das der richtige Weg. Die Frage bleibt nur, ob Europa genug Durchhaltevermögen aufbringt, um diesen Weg zu gehen.


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