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Ukraine-Krieg: "Das gibt beiden Seiten die Möglichkeit zur Eskalation"

1 week ago 5

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NATO-EUROPE/MILITARYVergrößern des Bildes

Ein ukrainischer Soldat bereitet eine Mittelstreckendrohne des Typs "Hornet" für den Einsatz vor: Der Luftkrieg zwischen Russland und der Ukraine eskaliert. (Quelle: Stringer/reuters)

Die Front ist erstarrt, doch in der Luft wächst die Schlagkraft beider Seiten. Militäranalyst Markus Reisner sieht Hinweise auf eine gefährliche Wende im Ukraine-Krieg.

Der Krieg in der Ukraine ist längst nicht mehr nur ein Kampf um Schützengräben, Dörfer und Frontlinien. Immer stärker verlagert er sich in die Luft: Drohnen treffen Raffinerien tief in Russland, Raketen zerstören und überfordern Kiews Flugabwehr. Beide Seiten versuchen, den Gegner vor dem Winter so stark unter Druck zu setzen, dass er an den Verhandlungstisch gezwungen wird.

Markus Reisner sieht darin eine gefährliche neue Phase des Krieges. Der österreichische Militärexperte warnt im Gespräch mit t-online, dass die Eskalation nicht nur konventionell geführt werden könnte. Auch Moskaus jüngste Wortwahl ist aus seiner Sicht ein Signal: Denn der Kreml spricht nicht mehr nur von einer "militärischen Spezialoperation", sondern von einem "echten Krieg". Reisner erklärt, wie erfolgreich die ukrainischen Angriffe auf Russland wirklich sind – und weshalb Europa eine folgenschwere Chance verpasst hat.

t-online: Herr Reisner, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat kürzlich erklärt, dass sich die entscheidende Phase des Kriegs in der Luft abspiele, nicht zur See oder an Land. Ist diese Analyse zutreffend?

Markus Reisner: Ja, das ist korrekt. Um zu erkennen, warum der Luftkrieg so entscheidend geworden ist, lohnt es sich, einen Blick auf die drei Ebenen der Kriegsführung zu werfen: die taktische, die operative und die strategische Ebene.

"Es ist extrem gefährlich", sagt Markus Reisner.

(Quelle: Österreichisches Bundesheer)

Zur Person

Oberst Markus Reisner (Jahrgang 1978) ist Militärhistoriker und Leiter des Instituts für Offiziersausbildung des österreichischen Bundesheeres an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 analysiert Reisner den Kriegsverlauf auf dem YouTube-Kanal "Österreichs Bundesheer".

Fangen wir mit der taktischen Ebene an.

Hier sehen wir die Situation eines gläsernen Gefechtsfelds durch den massiven Einsatz von Drohnen. Es gibt eine Todeszone an der Front, in der beide Seiten kaum vorankommen. Dies begünstigt zwar den Verteidiger, aber trotzdem schaffen es die Russen, kleinere Geländegewinne zu erreichen. Doch es fehlt ihnen die Kraft für eine große Offensive. Derweil ist die Ukraine zwar als Verteidiger erfolgreicher, findet aber auch kaum die Möglichkeit, Gelände wieder zurückzuerobern. Wir haben hier somit eine Pattsituation.

Wie sieht es dann auf der operativen Ebene aus?

Durch die Pattsituation auf der taktischen Ebene gibt es hier eine erste Verlagerung des Kriegs in die Luft. Die Ukraine versucht gerade, das, was sie 2023 mit der gescheiterten Bodenoffensive versucht hatte, jetzt aus der Luft wiederholen. Sie setzen Mittelstrecken-Drohnen ein, um die Krim zu isolieren. Die Ukraine will Russland auf der Krim und in Cherson logistisch aushungern. Damit wollen sie die Russen an den Verhandlungstisch zwingen.

Was passiert zuletzt auf der strategischen Ebene?

Hier liegt die einzige verbliebene Möglichkeit für beide Seiten, Fortschritte hin zu einem Kriegsende zu erzielen. Das erkennen wir an den gegenseitigen Schlägen, die Woche für Woche zunehmen: Die Ukraine fliegt massive Luftangriffe auf Russland, und Russland schießt seinerseits mit Hunderten Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen auf die Ukraine. Die Ukraine bekommt dabei sowohl für eigene Angriffe als auch für die Flugabwehr technische Unterstützung von KI-Firmen aus den USA. Hinzu kommt die Zielaufklärung der CIA. Das setzt Russland massiv unter Druck. Und Moskau reagiert bereits.

Wie verhält sich der Kreml dazu?

Moskau will diesen Druck zurückgeben. Dabei ist eines bemerkenswert: Kremlsprecher Dmitri Peskow hat kürzlich erstmals von einem "echten Krieg" gesprochen, nicht mehr nur von einer "militärischen Spezialoperation". Das war bislang die russische Sprachregelung. Die Chefredakteurin von "RT", Margarita Simonjan, legte nach und sprach davon, dass "nur mehr der letzte Tropfen zur Eskalation" fehlen würde.


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Russland will ein deutliches Signal senden: Vorsicht, wir sind bereit, die Eskalationsleiter weiter hochzuklettern.


Markus reisner


Warum spricht der Kreml jetzt von Krieg?

Die russische Militärdoktrin beinhaltet eine klare Eskalationsleiter von insgesamt siebzehn Stufen sowie vier exakte und ausformulierte Einstufungen von Konflikten. Es gibt den lokalen Krieg, den regionalen Krieg, den großen Krieg und den globalen Krieg. Spätestens beim Übergang vom regionalen zum großen Krieg kommt es laut der Doktrin zum Einsatz taktischer Nuklearwaffen. Das wäre natürlich eine bedeutende Eskalation. Seit Jahren fordern manche russische Militärtheoretiker bereits, taktische Nuklearwaffen bereits in einem regionalen Krieg einzusetzen.

Warum ist das in der derzeitigen Lage bedeutend?

Peskows Aussagen sind meiner Ansicht nach ein klarer Fingerzeig auf die russische Militärdoktrin. Russland will ein deutliches Signal senden: Vorsicht, wir sind bereit, die Eskalationsleiter weiter hochzuklettern. Das passiert, weil die Kremltruppen unter massivem Druck stehen. 2022 war das bei der ukrainischen Gegenoffensive in Cherson schon einmal der Fall. Russland erwog damals aufgrund einer bevorstehenden Niederlage ernsthaft den Einsatz taktischer Nuklearwaffen. Es kam zu hektischen Verhandlungen und die USA überzeugten Moskau, diesen Schritt nicht zu gehen.

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Für wie wahrscheinlich schätzen Sie diese Gefahr aktuell ein?

Eigentlich will Russland taktische Atomwaffen nur einsetzen, wenn die Existenz des Staats bedroht ist. Man kann derzeit durch Medienberichte den Eindruck haben, dass die Russen tatsächlich kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Ich sehe diesen Punkt noch nicht erreicht. Diesen Faktor muss man dennoch berücksichtigen. Kurzum: Die Luftkriegsführung gibt beiden Seiten die Möglichkeit zur Eskalation. Das sehen wir gerade.

Im Video | Russland größte Öl-Raffinerie erstmals getroffen

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Manche Beobachter sprechen von einer neuen Phase des Kriegs. Wie sehen Sie das?

Meiner Ansicht nach hat die neue Phase schon nach dem Winter begonnen, als die Ukraine aus dem sehr harten Winter kam und mit technischer und geheimdienstlicher Unterstützung aus den USA teils die Initiative zurückgewann. Das setzt sich jetzt fort. Nun sehen wir zwei mögliche Entwicklungslinien bis zum kommenden Winter.

Welche wären das?

Einerseits wollen beide Seiten zum Winter offenbar einen Waffenstillstand erreichen und den Konflikt einfrieren. Selenskyj hat dieses Ziel bereits öffentlich ausgegeben und selbst Putin sprach im Mai davon, dass der Krieg zum Jahresende möglicherweise beendet ist. Deshalb erhöhen beide den Druck so stark, um in die aus ihrer Sicht beste Verhandlungsposition zu kommen.

Und die zweite Entwicklungslinie?

Russland könnte sich so sehr in die Enge getrieben fühlen, dass es tatsächlich erneut die nukleare Drohung ausspricht. Man könnte natürlich denken: Die Russen bluffen mal wieder. Aber schon 2022 hatten die USA die Drohung so ernst genommen, dass sie eingegriffen haben.


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Obwohl wir im Westen vor allem die Treffer in Kiewer Wohnvierteln sehen, trifft Russland auch immer wieder erfolgreich die ukrainische Rüstungsindustrie.


Markus Reisner


Welches der beiden Szenarien ist wahrscheinlicher?

Das ist aktuell kaum seriös zu beantworten. Das hängt davon ab, ob die Ukraine langfristig erfolgreich bleibt mit ihren Drohnenangriffen auf Russland. Es hängt auch davon ab, ob Russland weiterhin mit seinem eigenen Luftattacken so große Schäden produzieren kann. Denn obwohl wir im Westen vor allem die Treffer in Kiewer Wohnvierteln sehen, trifft Russland auch immer wieder erfolgreich die ukrainische Rüstungsindustrie.

Für wie erfolgreich schätzen Sie derzeit die Luftkriegskampagnen der beiden Kriegsparteien ein? Fangen wir mit der Ukraine an.

Die Ukraine gibt an, 43 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten zerstört zu haben. Wenn das stimmt, dann wäre das enorm. Kiew macht es sich dabei zunutze, dass Russland wegen der Größe seines Landes keine flächendeckende Flugabwehr hat. Wie stark sich das auf die Front auswirken kann, ist noch unklar. Aktuell werden kaum mechanisierte Verbände, also Schützen- und Kampfpanzer, eingesetzt: Der Spritverbrauch ist also nicht besonders hoch. Wohl aber spürt die russische Bevölkerung die Angriffe. Das sehen wir an langen Staus vor Tankstellen.

Und wie sehr setzen die russischen Luftangriffe der Ukraine zu?

Russland wiederum dezimiert laufend Objekte der kritischen Infrastruktur wie Umspannwerke, Tanklager, Tankstellen, was vor allem mit Blick auf den Winter den Druck auf Kiew enorm erhöht. Und die Zivilbevölkerung leidet. Außerdem können Treffer gegen die ukrainische Rüstungsindustrie Kiews eigene Kampagne stark einschränken. Selenskyj gab im Februar etwa selbst zu, dass die Produktion des Marschflugkörpers Flamingo dadurch um Monate zurückgeworfen wurde.

Zumindest für die ukrainische Flugabwehr scheint es Hoffnung zu geben: Donald Trump hat angekündigt, der Ukraine die Lizenz zum Bau von Patriot-Flugabwehrraketen zu erteilen. Selenskyj fordert das seit Langem. Ist das nun die Rettung?

Vermutlich nicht sofort. Bis Produktionslinien aufgebaut sind, kann es unter Umständen lange dauern. Solange wird die Ukraine weiter einen akuten Mangel haben. Und solange werden Russlands ballistische Raketen wohl große Schäden hervorrufen können, wie schon zum Ende des Winters mit der Zerstörung von Wärme- und Heizkraftwerken. Das Versäumnis liegt klar bei Europa und den USA.

Welches Versäumnis?

Die Europäer könnten den Patriot-Mangel mit der Lieferung eigener Flugabwehrraketen des Typs SAMP/T zumindest lindern. Doch noch immer werden davon nur bis zu 150 Stück pro Jahr produziert. Da hat es kaum eine Steigerung gegeben seit 2022. Das ist fatal. Und die USA produzieren zwar jährlich etwa 650 Patriots, doch sie halten den Großteil wegen der chinesischen Bedrohung im Pazifik und dem Konflikt im Nahen Osten zurück. Und die, die sie liefern, müssen die Europäer bezahlen.


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Wer die Krim kontrolliert, kontrolliert auch das Schwarze Meer und die Südukraine.


Markus Reisner


Werfen wir zuletzt noch einen Blick auf die Krim: Sie sprachen davon, dass die Ukraine die Halbinsel isolieren will. Wie wichtig ist die Krim noch für Russlands Kriegsführung?

Die Krim hat eine sehr große Bedeutung wegen ihrer Lage: Wer die Krim kontrolliert, kontrolliert auch das Schwarze Meer und die Südukraine. Zwar hat die Ukraine die russische Flotte dort zurückgedrängt. Dennoch hat Russland auf der Halbinsel weiterhin wichtige Radarstationen und nutzt die Krim für Drohnenangriffe, etwa auf Odessa.

Will die Ukraine die Krim tatsächlich nur isolieren oder halten Sie auch eine Bodenoperation in die Richtung für denkbar?

Optimal wäre es, wenn die Russen unter dem ukrainischen Druck auf ihre Logistik einfach kollabieren und die Ukrainer dann einfach nachrücken würden. Aber danach sieht es nicht aus. Hier sind wir beim Thema Wirkungsergebnis "Luftkriegs- vs. Landkriegsführung". Zwar kann die Ukraine aus der Luft Druck ausüben, doch Russland passt sich schon an.

Wie macht Russland das?

Es fahren kaum große Tanklaster mehr, sondern eher viele kleinere Fahrzeuge. Diese werden mit kleinen Tanks beladen oder besser beziehungsweise zivil getarnt, damit ukrainische Drohnen sie nicht einfach entdecken können. Zwar ist die Gefahr für Russland damit nicht gebannt, aber es wird schwerer für die Ukraine, ihre Kampagne aufrechtzuerhalten.

Herr Reisner, vielen Dank für das Gespräch.

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