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Krim 2014: Russland besetzte die ukrainische Halbinsel mittels der "Grünen Männchen". (Quelle: Vadim Ghirda/AP/dpa)
Russlands Krieg gegen die Ukraine verläuft schlecht. Deswegen rüstet der Kreml das Land auch mit Denkmälern auf. Ein recht durchsichtiges Manöver, meint Wladimir Kaminer.
Überall in Russland werden an öffentlichen Plätzen merkwürdig ausdruckslose Denkmäler aufgestellt. Wie am Fließband angefertigt, zeigen sie einen vermummten Soldaten, der eine kugelsichere Weste und ein Maschinengewehr trägt. Neben dem Soldaten stehen ein Kind und eine Katze. Es handelt sich hierbei um ein Bildnis des sogenannten "Grünen Männchens", wie diese Vermummten im Volk genannt werden.
Das erste Denkmal dieser Art wurde auf der Halbinsel Krim, gleich nach der Annexion 2014, aufgestellt. Damals gelang es der russischen Führung mittels einer Spezialeinheit, die Halbinsel blitzschnell und fast ohne Verluste zu besetzen. Die Soldaten, die alle Regierungsgebäude einkesselten, waren vermummt und trugen dunkelgrüne Uniformen ohne Abzeichen. Seit dieser Spezialoperation sind die "Grünen Männchen" zu einem Sinnbild der russischen Großoffensive gegen das Nachbarland und die ganze Welt geworden.

Zur Person
Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Russendisko". Kaminers aktuelles Buch ist "Das geheime Leben der Deutschen", sein nächstes Buch "Müttertage. Geschichten von den Heldinnen des Alltags" erscheint am 19. August 2026.
Wenn im russischen Fernsehen Drohungen gegen Europa ausgesprochen werden, geht es stets darum, die "Grünen Männchen" dorthin zu schicken. Erst einmal breiten sie sich jedoch als Skulpturen im innerrussischen öffentlichen Raum aus. Den Schätzungen der Kollegen zufolge wurden seit Beginn der Großoffensive 2022 über 170 solcher Monumente aufgestellt, angefertigt unter der Führung von Salawat Schtscherbakow, dem lizenzierten Bildhauer-Chefdesigner des russischen Kulturministeriums.
Wie in der Sowjetzeit, als nur ausgewählte Bildhauer über das "Patent" zur Herstellung der Lenin-Köpfe verfügten, diese das ganze Land mit solchen Köpfen überzogen und dadurch zu den reichsten Sowjetbürgern wurden, wird heute in Russland mit den "Grünen Männchen" kräftig verdient. Doch selbst die Lenin-Büsten hatten mehr Ausdruck, zumindest waren sie nicht vermummt. Und manche Lenin-Denkmäler strahlten so etwas wie Freude aus. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein.
Projektionsfläche für Humor
Meine Kindheit und Jugend habe ich unter unzähligen Lenin-Büsten verbracht. Sie gehörten zur Innenausstattung jedes Amtes, in jeder Parkanlage konnte man einen Lenin im Busch finden. Auch in der DDR wurden die Köpfe der Parteikader in großer Zahl angefertigt, und später wurden darüber unzählige Witze gemacht.
Mein Lieblingswitz zu diesem Thema geht so: Ein kleines Mädchen hat sich verlaufen, es steht auf der Straße und weint. Der Ordnungshüter fragt sie, wie ihre Eltern heißen und ob sie überhaupt jemanden in dieser Stadt kennt? Ja, sagt das Mädchen. Walter Ulbricht und Rosa Luxemburg.
Es gibt keine offizielle Statistik, wie viele Büsten von Walter Ulbricht es in der DDR gab. Sie wurden ebenfalls wie die von Lenin und Karl Marx aus allen möglichen Materialien hergestellt: aus Bronze, aus Gips und aus Metall. Es gab sogar welche aus Porzellan. Manche wurden in Regierungsgebäuden und Schulen aufgestellt, oder sie wurden in kleineren Auflagen als Ehrengeschenke für andere Diktatoren und Autokraten angefertigt.
Nach dem Machtwechsel zu Erich Honecker im Jahr 1971 und Ulbrichts Tod 1973 wurden sie systematisch aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt, die Büsten wurden entfernt, teilweise eingeschmolzen oder eingelagert. Von Erich Honecker gab es in der DDR keine staatlich geförderten Denkmäler oder öffentliche Monumentalbüsten. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger verzichtete Honecker eher auf diese Art Kunst, er mochte lieber Malerei. Die Bilder von ihm hingen in allen staatlichen Behörden und sind auch heute noch auf diversen Flohmärkten zu finden.
Kunst und Diktatur vertragen sich nicht
Der aktuelle russische Präsident macht es Honecker nach, auch seine Bilder hängen zigtausendfach in sämtlichen Amtsstuben des Landes, immer am gleichen Platz, an der Wand hinterm Chefsessel. Von da aus kann der Präsident alle Amtsinhaber mit seinem strengen Blick kontrollieren. Die Straßen und Plätze werden dafür mit den vermummten grünen Soldaten in Menschengröße geschmückt.
Die heutige monumentale Propaganda unterscheidet sich allerdings durch die erstaunliche Ausdruckslosigkeit von ihrer sozialistischen Oma. Pikanterweise beschäftigte sich ihr Schöpfer Salawat Schtscherbakow, bevor er zum Staatsbildhauer wurde, mit dem Design von Spielhallen und hat im Auftrag von Wachsfigurenmuseen gearbeitet. Sein Wachsfiguren-Realismus ersetzt im neuen Russland die Kunst.
Denn Kunst kann sich in einer Diktatur nicht realisieren. Die Künstler neigen zur Reflexion, sie üben Kritik, halten der Gesellschaft den Spiegel vor, sie provozieren, sie drücken Emotionen aus und laden die Betrachter zum Nachdenken ein. Das alles kann der russische Staat heute nicht gebrauchen, deswegen werden die Künstler aus dem Land gemobbt und durch Wachsfiguren-Anfertiger ersetzt.
Trotz dieser hyperrealistischen Darstellung wird man beim Betrachten der neuen Monumente das Gefühl nicht los, mit einer postmodernen Täuschung zu tun zu haben. Ist das ernst gemeint oder alles nur ein Spiel?
Auf jeden Fall warten große Aufgaben auf die russischen Stadtreinigungsbetriebe der Zukunft. Sie werden nach dem Zusammenkrachen des Regimes Hunderte von diesen vermummten Puppen einsammeln und irgendwo einschmelzen müssen. Hoffentlich werden sie von den Künstlern der Zukunft zu einer großen "Kugel des Friedens" eingeschmolzen, einem Mahnmal mit der Aufschrift "Nie wieder Krieg", das auf dem Roten Platz anstelle der Zarenkanone aufgestellt werden wird.
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