PROTECT YOURSELF with Orgo-Life® QUANTUM TECHNOLOGY
Orgo-Life the new way to the future Advertising by Adpathway
DFB-Präsident Bernd Neuendorf (r.) hat Bundestrainer Julian Nagelsmann vormals eine sehr gute Arbeit bescheinigt. (Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa/dpa-bilder)
Es war einmal eine Frage der Ehre, bei Verfehlungen oder Scheitern umgehend persönliche Konsequenzen zu ziehen. Warum ist das nicht mehr so?
Das Schlimmste an der Farce um den sterbenden Buckelwal in der Ostsee war aus meiner ganz persönlichen Warte die Wahl seines letzten Liegeplatzes. Ausgerechnet vor der Insel Poel hatte sich das Säugetier auf eine Sandbank gelegt, und dieses wunderbar verschlafene Eiland, die vorher kein Mensch so richtig kannte, bekannt gemacht. Seit mehr als 20 Jahren fahre ich jedes Jahr im Mai, wenn der Raps blüht, nach Poel. Weil dann der Hornhecht dort in riesigen Schwärmen in den Seegraswiesen steht. Bis auf ein paar Rentner, die ein Bus ausgespuckt hatte, war da nie groß jemand auf diesem Kleinod von Insel. Dieses Jahr kam es mir so vor, als radelten da deutlich mehr Leute auf dem herrlichen Fahrradweg von Wismar nach Kirchdorf.

Zur Person
Christoph Schwennicke ist Politikchef von t-online. Seit mehr als 30 Jahren begleitet, beobachtet und analysiert er das politische Geschehen in Berlin, zuvor in Bonn. Für die "Süddeutsche Zeitung", den "Spiegel" und das Politmagazin "Cicero", dessen Chefredakteur und Verleger er über viele Jahre war.
Die Bahnfahrt nach Wismar führt jedes Mal an Bad Kleinen vorbei. Und jedes Mal habe ich, wenn der Zug am Bahnsteig hält, dieses Foto von Wolfgang Grams vor Augen, dem RAF-Terroristen, der am 27. Juni 1993 bei einer Schießerei mit der Polizei dort an einem Kopfschuss starb.
Für immer wird das kleine Örtchen im hintersten Mecklenburg-Vorpommern mit diesem Vorgang verbunden bleiben, auch wenn es den kleinen Kiosk auf dem Bahnsteig schon lange nicht mehr gibt. Dieser Bude beziehungsweise deren Betreiberin kam bei der Aufarbeitung des Einsatzes der Elitetruppe GSG 9 eine Schlüsselrolle zu. Sie war die Kronzeugin für den folgenschwersten Fehler, den der damals weithin bekannte Investigativjournalist Hans Leyendecker in seiner langen Karriere begangen hat. Auf die Frau (und eine angebliche zweite Quelle) stützten sich seine "Spiegel"-Berichte, wonach Grams auf den Gleisen von der Polizei hingerichtet worden sei.
Wie gesagt: Es hat sich alles als sensationsgetriebene Ente erwiesen. Und doch verbindet sich mit den Geschehnissen auf den Gleisen und der Berichterstattung des "Spiegel" neben Leyendecker und Grams für immer ein weiterer Name: Rudolf Seiters. Der damalige Bundesinnenminister in der Regierung von Helmut Kohl trat nach den ersten "Spiegel"-Berichten umgehend zurück. "Es ist gut, dass es in Deutschland den Begriff der politischen Verantwortung gibt. Wer sollte diese politische Verantwortung übernehmen, wenn nicht ein Bundesminister?", begründete Seiters am 4. Juli 1993, nur eine Woche nach Bad Kleinen, diesen Schritt.
Nicht nur dieser Vorgang lässt bei mir das Gefühl aufkommen: Irgendwie war früher mehr Rücktritt. Den etwas Älteren unter uns wird auch der Name Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in dieser Hinsicht in Erinnerung sein. Nur wenige Jahre nach Seiters zog die damalige Bundesjustizministerin die Konsequenz daraus, dass sie bei der Kontroverse um den sogenannten Großen Lauschangriff den Kürzeren gezogen hatte, und trat ebenfalls als Ministerin zurück.
Im Video | Völler deutet DFB-Wende an
Player wird geladen
Ein Satz, der im Kopf nachhallt
Es ist gut, dass es in Deutschland den Begriff der politischen Verantwortung gibt. Der Satz von Seiters echot in meinem Kopf. Denn die Frage ist: Gibt es den 30 Jahre später wirklich noch? Ist es nicht vielmehr so, dass jeder und jede an seinem Sessel klebt, als habe ihn jemand mit Zwei-Komponenten-Kleber bestrichen?
Was für ein erbärmliches Schauspiel, das der gescheiterte Fußballbundestrainer Julian Nagelsmann da abgab. Das grauenhafte Spiel seiner Mannschaft gegen den Fußball-Niemand Paraguay war eben erst zu Ende gegangen, da verkündete das einstige Wunderkind trotzig, dass es weitermachen möchte. Man rieb sich die Ohren. Nicht das erste und einzige Mal, dass er einen irritierenden Eindruck davon hinterließ, was er unter Verantwortung versteht. Auf eine kritische Frage in einer Pressekonferenz hatte Nagelsmann geantwortet, dass er "keine Beweispflicht" gegenüber den Reportern und damit der Öffentlichkeit habe.
Der Nagelsmann von Berlin heißt Wegner
Doch, lieber Herr Nagelsmann. Sie haben in jeder Sekunde die Beweispflicht dafür, dass Sie der Richtige sind. Aber Sie wollten und konnten (bei dieser Einstellung) diesen Beweis schlicht nicht führen. Der Nagelsmann der deutschen Politik heißt dieser Tage Kai Wegner. Der Regierende Bürgermeister von Berlin bekommt zum nunmehr dritten Mal bescheinigt, dass alles gelogen war, was er im Nachgang zur Stromattacke und zum Blackout im Berliner Stadtteil Lichterfelde behauptet hatte. Mit exakt niemandem hatte er am besagten Samstag im Januar telefoniert, ganz abgesehen davon, dass er sich am Tatort nicht blicken ließ, sondern lieber Tennis spielen ging.
Man wünscht sich inständig, dass sich die Causa Wegner wie die Causa Nagelsmann weiterentwickelt. Der wurde dann einfach vom DFB zurückgetreten und durfte das dann noch, wie sagt man: gesichtswahrend, selbst verkünden, natürlich mit einer rechtssicheren Formulierung, die ihm von den 14 Millionen Euro für die Restlaufzeit seines Vertrags immer noch sieben Millionen garantiert.
Der Druck der Verhältnisse ist nicht nur beim DFB enorm, sondern auch in Berlin. Nach diesen jüngsten verdienstvollen Recherchen des "Tagesspiegel" wird die CDU wegen Wegner weiter in den Umfragen abrauschen, und das wenige Wochen vor der Senatswahl am 20. September. Wenn es sich bei der Berliner CDU um eine gesunde Partei handelte, würde das Gleiche wie bei Nagelsmann passieren. Aber es ist eben die Berliner CDU.
Wie konnte es so weit kommen, dass ein Ministerpräsident eines Bundeslandes mit einem Ehrenwort lügt und alle Anwürfe aussitzt, er lasse seinen Herausforderer bespitzeln und mit allen noch so hanebüchenen Anschuldigungen überziehen? Uwe Barschel markiert mit seinem Schmutzkomplott gegen Björn Engholm und der öffentlichen Lüge einen Tiefpunkt der politischen Kultur im Lande. Aber jenseits dieses spektakulären Einzelfalls hat sich da generell etwas verschoben. Was ist da über die Jahre verloren gegangen? Und warum?
Aufschluss kann vielleicht der Fall des Rudolf Scharping geben. Der damalige Bundesverteidigungsminister hatte im Liebestaumel mit seiner Partnerin Gräfin Pilati für die "Bunte" Planschfotos seines privaten Glücks in einem Pool auf Mallorca schießen und veröffentlichen lassen, während die ihm unterstellten Soldaten sich für einen Einsatz auf dem Balkan, genauer in Mazedonien, bereit machten. Als dann noch eine fischige Verbindung zu einem PR-Berater aufflog, war das Maß voll. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder entließ seinen Verteidigungsminister.
Ich war damals bei der "Süddeutschen Zeitung" zuständig für die SPD und die Verteidigungspolitik. Also doppelt nah dran. Habe noch die Telefonate im Ohr mit hochrangigen Generalen nach den Badefotos in der Illustrierten "Bunte". Entsetzen reicht nicht als Begriff dafür, was sich in diesen Gesprächen spiegelte.
Zwischenzeitlich hatte der Anschlag vom 11. September 2001 auf die Türme des World Trade Center in New York die Aufmerksamkeit von der Causa Scharping etwas abgelenkt. Aber insgesamt blieb der öffentliche Druck permanent aufrecht. Die Zeitungen ließen nicht locker. Und genau hier liegt meines Erachtens der Unterschied zu damals: Die Säue werden heute viel, viel schneller durchs Dorf getrieben. Und an die von gestern erinnert sich heutzutage spätestens morgen kein Mensch mehr. Ein Shitstorm mag schnell entstehen. Aber er ist ebenso schnell wieder weg. Die ernsthaft kritische Öffentlichkeit hat einer oberflächlichen Wallungsöffentlichkeit Platz gemacht. Die Wellen schlagen hoch, ja. Aber sie sind ganz kurz. Und alles dient weniger der Aufklärung als der Unterhaltung oder dem folgenlosen Grusel. "Wir amüsieren uns zu Tode", hieß mal ein Buch des Medienkritikers Neil Postman.
Plötzlich ist der Bonner Kollege DFB-Präsident
Zu jenen Zeiten, als Gerhard Schröder mit seinem Entlassungsgesuch zum Bundespräsidenten marschierte, gab es einen Kollegen in Bonn, den ich mochte und schätzte. Bernd Neuendorf berichtete für mehrere Tageszeitungen ebenfalls über die SPD, weshalb wir uns regelmäßig über den Weg liefen. Nachdem er schließlich als Sprecher der Bundes-SPD die Seiten gewechselt hatte und im weiteren Verlauf diverse Partei- und Regierungsämter in Nordrhein-Westfalen innehatte, tauchte er zu meinem Erstaunen plötzlich beim Deutschen Fußball-Bund auf und wurde dort Präsident.
Über das Gebaren meines einst geschätzten Bonner Kollegen staune ich nun aus der Ferne. Vielleicht sollte er sich die schwere schwarze Hornbrille einmal aus dem schütteren Haupthaar nehmen, auf die Nase setzen und nachlesen in den Archiven, was er seinerzeit (dann schon als Mitglied der Chefredaktion bei der "Mitteldeutschen Zeitung") zu Scharping geschrieben hat. Mit einiger Sicherheit werden sich auch dort Spuren einer intakten politischen Kultur finden. Die dazu beigetragen haben, dass Scharping sich auf Dauer nicht halten konnte.
"Der richtige Mann"
"Julian Nagelsmann ist ein herausragender Trainer, der vor einer EM im eigenen Land neue Begeisterung für die Nationalmannschaft entfachen kann. Wir sind überzeugt, dass wir mit ihm den richtigen Mann haben." So hat Bernd Neuendorf für den DFB 2023 die Personalie Nagelsmann begründet. Politische Verantwortung würde bedeuten, aus dieser ganz persönlichen Fehleinschätzung die Konsequenzen zu ziehen. Denn ich verstehe zwar wenig bis nichts von Fußball, aber dass das ein gewaltiger Irrtum war mit Nagelsmann, dafür reicht es noch.
Aber statt auf Neuendorf zu gehen, beharrlich und unbeirrt, richtet sich alles Augenmerk darauf, was Jürgen Klopp, der offenbar konkurrenzlose Nachfolger-Kandidat, so sagt und ob er mit Rudi Völler kann. Vermutlich wird daher die berühmteste Hornbrille Deutschlands weiterhin im Fernsehen zu sehen sein und Kai Wegner als amtierender Bürgermeister im September zur Wahl antreten. Da immerhin, ein kleiner Trost, wird die Demokratie ihres Amtes walten, die es beim DFB nicht gibt.


1 week ago
3























English (US) ·
French (CA) ·
French (FR) ·