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Orgo-Life the new way to the future Advertising by AdpathwayWas steckt hinter dem Sturm der EU-Grenze?
"Das war alles gelogen"
Aktualisiert am 03.08.2026 - 10:16 UhrLesedauer: 5 Min.

Migranten stürmen die EU-Grenze in Ceuta: Mehr als 50.000 Menschen kamen in die spanische Exklave auf dem afrikanischen Festland. (Quelle: Fabian Bimmer/reuters)
Hat Marokko den Migranten-Sturm auf Ceuta absichtlich ausgelöst? Ein alter Konflikt mit Spanien könnte eine Rolle spielen. Aber auch Donald Trump hat eine Rechnung offen.
Binnen Stunden kommen Zehntausende Menschen in die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta. Einige Bewohner verbarrikadieren sich in ihren Häusern. Andere bedrohen und attackieren die oft sehr jungen Ankömmlinge. Diese irren zunächst ziellos und halb nackt durch die Straßen – und kehren wenig später nach Marokko zurück.
Die EU berief inzwischen für Dienstag ein Krisentreffen ein. In einem offenen Brief fordern 22 EU-Staaten von Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez einen besseren Schutz der EU-Außengrenze. Doch sind die Hintergründe über den plötzlichen Ansturm weiter unklar. Wie konnte es dazu kommen? Von den "entscheidenden Stunden in denen Marokko Spanien in Schach hielt", schreibt die spanische Zeitung "El País" und macht den nordafrikanischen Staat für die Krise verantwortlich.
Denn über einen Punkt herrscht in Spanien ungewöhnliche Einigkeit: Die beispiellose Aktion wäre nach Ansicht der Beobachter ohne aktive Unterlassung der marokkanischen Behörden kaum möglich gewesen, "El País" spricht dabei von "Billigung oder Mitwirkung". Die in zahlreichen Videos dokumentierte Untätigkeit marokkanischer Sicherheitskräfte lasse daran "keinen Zweifel".
Im Video | Dutzende Männer strömen aus einem Lastwagen
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Marokkos König steht heftig in der Kritik
Selbst in Marokko merken einige Beobachter an, dass ein Vorfall wie der in Ceuta nur durch eine Duldung der Behörden möglich sei. Denn König Mohammed VI. regiert das Land autoritär und hat den Sicherheitsapparat und die digitale Überwachung mit Überwachungskameras massiv ausbauen lassen. Mehrere Migranten schildern in spanischen Medien unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt, sondern zum Grenzübertritt ermuntert worden seien.
Die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko sind seit längerem belastet, vor allem wegen des Umgangs mit der Region Westsahara, auf die das Königreich Anspruch erhebt. Klar ist, dass Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez trotz enger wirtschaftlicher Verflechtungen der Länder für Rabat zum Ärgernis geworden ist. Der hatte die Beziehungen zu Algerien – Marokkos Nachbar und größter Feind in der Region – vergangene Woche bei einem Besuch gestärkt. Neben dem Streit der beiden afrikanischen Länder über die frühere spanische Kolonie Westsahara betrachtet Marokko zudem die beiden spanischen Exklaven als "besetzte marokkanische Städte".
Unmut könnte in Marokko auch die jüngste Zustimmung des Justizausschusses des spanischen Parlaments zu einem Gesetzentwurf ausgelöst haben. Er soll vielen Sahrauis – den indigenen Bewohnern der Westsahara – und ihren Nachkommen den Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtern. In spanischen Medien wird spekuliert, dass Marokko darin auch deshalb eine Provokation sieht, weil Angehörige der von Algerien unterstützten Unabhängigkeitsbewegung Polisario mit einem EU-Pass schwerer verfolgt oder strafrechtlich belangt werden könnten. Die Bewegung Polisario besteht weitgehend aus Sahrauis.
Es ist möglich, dass Marokko der spanischen Regierung mit einer Lockerung der Grenzkontrollen ein Signal senden wollte. Belege dafür gibt es zwar nicht, der Verdacht kommt jedoch nicht von ungefähr: 2021 warf Spanien Marokko vor, im Streit um die Westsahara Migration und Menschen als Druckmittel eingesetzt zu haben. Damals hatte Madrid den Chef der von Algerien unterstützten Polisario in einem Krankenhaus aufgenommen. Kurz darauf gelangten mehr als 8.000 Menschen nach Ceuta. Madrid sprach von "Erpressung", Rabat entgegnete: "Handlungen haben Konsequenzen."
Spielt Donald Trump eine Rolle?
Eine weitere Vermutung ist in der jetzigen Krise: Rabat habe zeigen wollen, dass seine Rolle als Hüter der Grenzen zu Europa nicht selbstverständlich ist. Das Land erhält für Maßnahmen zur Eindämmung der Migration EU-Gelder in Millionenhöhe.
Diskutiert werden zudem mögliche Signale, die die spanische Migrationspolitik gesendet haben könnte – insbesondere die Legalisierung bereits im Land lebender irregulärer Migranten. Diese Maßnahme gilt zwar nicht für Neuankömmlinge, aber es heißt, sie könnte bei Migranten falsche Hoffnungen genährt haben. Zudem wird einem spanischen Gerichtsurteil eine Rolle beim jüngsten Ansturm zugesprochen. Es erschwert Zurückweisungen nach einer Einreise über das Meer.
Noch weiter gehen andere Spekulationen. Spanien hat sowohl Israels Vorgehen im Gazastreifen als auch die US-Angriffe auf den Iran scharf kritisiert und sich zudem dem Druck von Präsident Donald Trump widersetzt, die Ausgaben für Verteidigung schneller zu erhöhen. Daraus leiten manche Beobachter die Vermutung ab, Marokko könne im Interesse seiner engen Verbündeten USA und Israel gehandelt haben, um die linke Regierung in Madrid zu destabilisieren und gleichzeitig die Migrationsdebatte in Europa vor wichtigen Wahlen in Deutschland und Frankreich anzuheizen.
Ein Israel-naher Analyst forderte deshalb vor einigen Monaten unumwunden, Israel solle Marokko helfen, Ceuta und Melilla "zurückzuerlangen", um Spanien zu "bestrafen". Belastbare Hinweise auf eine Beteiligung der USA oder Israels an den Ereignissen in Ceuta gibt es allerdings nicht.
Marokko wehrt sich
Marokko wies die Vorwürfe der Sabotage am Montag zurück und machte Falschinformationen im Internet für den Ansturm verantwortlich. Ein Urteil des obersten spanischen Gerichtshofs wurde dort so interpretiert, dass Geflüchtete nicht abgeschoben werden, wenn sie übers Wasser kommen.
Doch richtet sich der Blick auch auf die innenpolitische Lage im Land. Marokkos Wirtschaft wächst so schnell wie seit Jahren nicht, trotzdem ist die Arbeitslosigkeit vor allem bei jungen Menschen hoch. Laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hat jeder Dritte zwischen 15 und 29 Jahren keinen Job, kein Studium und keine Ausbildung. Besonders hart trifft es Frauen.
In städtischen Zentren wie Casablanca, Rabat oder Fès wie auch im ländlichen Raum haben Menschen oft keine Perspektive – sie denken an ein Leben in Europa. Viele fassen Spanien und Frankreich ins Auge, wegen der geografischen Nähe und historischer Verbindungen dorthin. Beide EU-Länder beheimaten große marokkanische Gemeinden.
Ausgenutzt wird die Lage von Schmugglern. Zwar versucht die Regierung seit Jahren, den Menschenhandel einzudämmen. Die kriminellen Netzwerke bestehen aber weiter, über die auch Migranten aus Ländern südlich der Sahara nach Europa geschleust werden. 2025 meldeten Marokkos Behörden 73.000 irreguläre Einreisen ins Land, vor allem aus der Subsahara.
Eine wichtige Rolle spielten in der Ceuta-Krise offenbar auch die sozialen Netzwerke. Zahlreiche Migranten berichten, sie seien durch Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok auf die angeblich offene Grenze aufmerksam geworden. Dort habe sich rasch die Hoffnung verbreitet, in Ceuta würden Unterkünfte bereitstehen und die Weiterreise aufs spanische Festland winken.
Vor Ort wich die Euphorie jedoch schnell der Ernüchterung. "Man hatte uns gesagt, wir bekämen eine Unterkunft und ein Visum für Algeciras. Aber das war alles gelogen", erzählte etwa der 18-jährige Mohamed einem "El País"-Reporter. Eine junge Mutter klagte: "Ich habe nicht einmal Milch für mein Baby bekommen." Dass die meisten der 50.000 bis 60.000 Ankömmlinge auch unter dem Druck der spanischen Sicherheitskräfte schnell wieder "freiwillig" nach Marokko zurückgingen, ist alles andere als verwunderlich.


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