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Deutschland im Mittelmaß: Wo das deutsche Erfolgsmodell versagt

2 weeks ago 3

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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

das Mittelmaß ist selten ein Ziel, das man sich freiwillig setzt. In der Schule und der Uni gilt eine durchschnittliche Note nicht als Leistungsausweis, der zu Höherem befähigt. Wer sich in Unternehmen mit einer durchwachsenen Performance durchwurschtelt, braucht sich keine Hoffnung auf eine steile Karriere zu machen. Und im Sport landen mittelmäßige Athleten unter ferner liefen.

Dementsprechend hat das Mittelmaß keinen guten Ruf, hierzulande erst recht nicht. In den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war die deutsche Gesellschaft von einem tiefempfundenen Leistungsstreben durchdrungen: Jetzt wird wieder rangeklotzt, wir schaffen den Wiederaufbau, den Kindern soll es besser gehen! Von schwäbischen Ingenieuren über pfälzische Chemiker bis zu Thüringer Industrieoptikern einte eine ausgeprägte Schaffer-Mentalität die Bevölkerung links und rechts der innerdeutschen Grenze. Mit diesem Elan arbeitete man sich im Westen in die Top drei der globalen Wirtschaftsmächte vor; im Osten verhinderte nur die staatliche Misswirtschaft eine ähnlich gedeihliche Entwicklung. Der Anpacker-Geist galt als deutsche Bilderbuchtugend: tüchtig, einfalls- und notfalls auch entbehrungsreich. Diese Einstellung trug wesentlich zum deutschen Erfolgsmodell bei und bescherte dem Land bis in die 2000er Jahre hinein einen Platz an der Sonne.

Tempi passati. Zwar wähnen sich viele Deutsche heute immer noch an der Weltspitze, wenn es um Einsatzfreude, Wirtschaftskraft und Innovationsgeist geht, doch das grenzt an Selbstbetrug. In Wahrheit ist die Republik in entscheidenden Feldern auf Mittelmaß herabgesunken. Die Industrie, einst der Stolz der Nation, hat seit 2019 fast 380.000 Arbeitsplätze verloren, in der Autobranche ist jeder siebte Job verschwunden. Chinesen bauen bessere E-Autos, Inder schmieden günstigeren Stahl und schrauben effizientere Solarpanels zusammen. Der Mittelstand investiert so wenig wie noch nie seit Beginn der Erhebung vor 30 Jahren – noch weniger als während der Finanzkrise und der Corona-Pandemie, und das will etwas heißen. Die Innovationskraft der Tüftler und Denkler erschlafft. Der staatliche Bürokratismus gibt ihr den Rest.

Internationale Investoren haben ihr Urteil daher längst gefällt: Sieben von zehn Finanzchefs ausländischer Konzerne betrachten Deutschland als überreguliertes Paragrafenlabyrinth und zählen es zu den fünf schwächsten Standorten der EU. Selbst der jüngste Mini-Aufschwung gelingt nur, weil die Regierung das Land mit Schuldengeld flutet. Beim Humankapital sieht es nicht besser aus: In der jüngsten PISA-Bildungsstudie schneidet die Bundesrepublik schlechter ab als je zuvor und dümpelt im Mittelfeld der OECD-Länder herum. Und sogar die Nationalmannschaft kickt nach Schema F, daran ändert auch ein neuer Trainer nichts. "Eine Mannschaft, die so spielt wie Deutschland, hat es verdient, nur noch als Mittelmaß wahrgenommen zu werden", urteilt unser Kolumnist Stefan Effenberg nach der Länderspielpleite gegen den Fußballzwerg Griechenland.

Deutschland ist nur noch mittelmäßig: Darüber mag man sich ärgern, wenn dieser Status nicht zum eigenen Weltbild passt. Wer die aktuellen Debatten im Land verfolgt, kann den Eindruck gewinnen, dass es tatsächlich viele Bürger maßlos ärgert, mehr noch: Es kränkt sie. Und manche führt es ins Gruselkabinett.

Wie vielerorts in westlichen Demokratien erstarken auch hierzulande Extremisten und Populisten. Die AfD gewinnt Landtagswahlen im Osten und liegt bundesweit in den Umfragen vorn. Die von alten Kadern verlassene und von jungen Aktivisten hochgepuschte Linkspartei triumphiert in Berlin. Radikal sind beide Lager, nur aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Rechten führen den Kulturkampf, grenzen Zugewanderte aus und predigen einen chauvinistischen Nationalismus. Die Linken führen den Klassenkampf, wollen alle Grenzen öffnen und unterscheiden nicht mehr zwischen deutschen Staatsbürgern und Menschen anderer Nationalität. In ihrer Verachtung für staatliche Institutionen wie den Verfassungsschutz, in der Anfälligkeit für die Unterwanderung durch kriminelle Gruppen und in ihrem Antisemitismus ähneln beide Lager einander. Kein ausgeglichener und zufriedener Bürger würde solchen Demagogen seine Stimme geben.

Das Problem ist, dass immer mehr Bürger genau das nicht sind: ausgeglichen und zufrieden. Deutschland hat sich zu einer Republik der Gereizten entwickelt. Es wird geklagt, geschimpft und auch gelitten.

Die Gründe sind vielfältig: Wirtschaftsschwäche und globaler Wettbewerb, versäumte Reformen und soziale Spaltung, Krisen hier und Kriege da, überforderte Politiker und das Gift aus Social Media – aber zusätzlich auch eine schiefe Selbstwahrnehmung. Es passt nicht zum Weltbild des Durchschnittsdeutschen, nur noch Durchschnitt zu sein. Wenn die Chinesen erfolgreicher, die Inder ambitionierter und sogar die Spanier dynamischer unterwegs sind, bekommt das deutsche Ego einen Knacks.

Das muss nicht von Nachteil sein, es kann auch die Erkenntnis fördern. Womöglich fiele es vielen Zeitgenossen leichter, Einsicht in notwendige Veränderungen zu beweisen, Kompromisse bei Streitthemen zu schmieden, mit Andersdenkenden zivilisiert zu diskutieren und selbst mehr Einsatzbereitschaft zu zeigen, wenn sie eine realistischere Einschätzung entwickeln würden: erstens von Deutschlands Stellung in der Welt, zweitens von den beschränkten Möglichkeiten der Bundes- und Landesregierungen und drittens von ihren eigenen Ansprüchen an ein Leben in Sicherheit und Wohlstand. Dann kämen sie vielleicht auf den Trichter, dass die Mitte der beste Ort ist, um eine heterogene Gesellschaft zusammenzuhalten. Dass maßvolle Politik langfristig gedeihlicher wirkt als radikale Kurzschlusshandlungen. Und dass es leichter ist, aus dem akzeptierten Mittelmaß heraus wieder eine Spitzenposition in der Wirtschaft, der Bildung und vielleicht sogar im Fußball anzustreben, als ewig der verlorenen Überlegenheit nachzutrauern und dabei immer weiter zu verbittern.

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung, weiß der deutsche Volksmund. Und der weiß bekanntlich ziemlich gut Bescheid.

Spahn sagt wieder tschüss

Schon die Tatsache, dass der erst im Juli zurückgetretene Unionsfraktionschef Jens Spahn überhaupt in den Haushaltsausschuss des Bundestags berufen wurde, löste Unmut in seiner Partei aus. Ein Versorgungsposten für den nach der Leihmutteraffäre tief gefallenen einstigen Hoffnungsträger? Ging gar nicht, fanden manche. Aber erst die Tatsache, dass Spahn seither an keiner einzigen Sitzung teilnahm und stattdessen in Sardinien urlaubte, verärgerte die Kollegen der Fraktions-Arbeitsgruppe Haushalt so gründlich, dass Forderungen nach Spahns Rauswurf ertönten. Die Fraktionsspitze versuchte zu intervenieren und die Gemüter mit einer Bewährungsfrist bis Ende des Jahres zu beruhigen – vergebens. Gestern hat der 46-jährige Ex-Maskenminister selbst die Reißleine gezogen und seinen Sitz im Ausschuss abgegeben. Schon war das Comeback wieder zu Ende.

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