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Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko (Archivbild): Zieht Russland Belarus tiefer in den Ukraine-Krieg? (Quelle: Sergei Ilyin/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa/dpa)
Russland gerät im Krieg gegen die Ukraine zunehmend unter Druck. Deshalb rückt Belarus stärker in den Fokus des Kremls – mit gefährlichen Folgen nicht nur für Kiew, sondern auch für die Nato.
Nur wenige Kilometer von der Grenze von Belarus entfernt überwachen deutsche Soldaten in Litauen den elektromagnetischen Raum. Getarnte Fahrzeuge stehen zwischen den Bäumen, Antennen erfassen Funk- und Radarsignale aus der Umgebung. Es fallen keine Schüsse, Raketen sind nicht zu sehen. Und doch macht dieser Einsatz deutlich, wie angespannt die Lage an der Nato-Ostflanke inzwischen ist. Der Grund liegt vor allem in Moskau. Und doch macht dieser Einsatz, über den "Euronews" Anfang August berichtete, deutlich, wie angespannt die Lage an der Nato-Ostflanke inzwischen ist.
Je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird die strategische Lage für Wladimir Putin. Zwar rücken russische Truppen im Osten der Ukraine langsam vor. Doch gleichzeitig treffen ukrainische Drohnen Raffinerien, Militärstandorte und Infrastruktur tief im russischen Staatsgebiet. Der Krieg bindet enorme militärische und wirtschaftliche Ressourcen. Nach außen demonstriert der Kreml weiterhin Entschlossenheit. Hinter den Kulissen aber sucht Moskau nach neuen Möglichkeiten, den Druck auf die Ukraine zu erhöhen.
Dass dabei das kleinere Belarus immer stärker in den Mittelpunkt rückt, kann als Symptom der wachsenden Probleme des Kremls verstanden werden. Mit zunehmender Kriegsdauer wird Minsk immer wertvoller für Moskau – militärisch, wirtschaftlich und politisch. Putin braucht seinen engen Verbündeten heute dringender denn je.
Moskau sucht nach neuen Optionen
Schon während der russischen Großinvasion im Februar 2022 spielte Belarus eine Schlüsselrolle. Russische Truppen stießen von dort in Richtung Kiew vor. Nach dem Scheitern dieser Offensive vermied Machthaber Alexander Lukaschenko jedoch, eigene Soldaten in den Krieg zu schicken. Belarus stellte für Russland Infrastruktur, Flugplätze und Logistik bereit, blieb militärisch aber im Hintergrund.
Genau dieser Kurs gerät immer weiter an seine Grenzen. Nach Recherchen des "Wall Street Journal" versucht Russland seit Monaten, Belarus stärker in seine militärischen Planungen einzubinden. Dabei geht es offenbar nicht zwangsläufig um eine neue Bodenoffensive. Diskutiert werden vielmehr verschiedene Eskalationsszenarien: Belarus könnte verstärkt als Ausgangspunkt für Drohnenoperationen dienen oder die Ukraine mit einer erneuten Bedrohung aus dem Norden zwingen, zusätzliche Verbände an die Grenze zu verlegen.
Belarus baut seine militärische Präsenz an der Grenze zur Ukraine bereits aus. In der Region Gomel, rund 40 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, entsteht eine neue Luftlandebrigade. Offiziell begründet Minsk den Ausbau mit der Sicherung der Südgrenze. Ukrainische Geheimdienste sehen darin jedoch ein weiteres Indiz dafür, dass Russland zunehmend militärische Unterstützung von Belarus fordert.
Für Moskau ist das ein strategischer Gewinn. Jeder Soldat, den Kiew im Norden binden muss, fehlt an den Frontabschnitten im Osten oder Süden. Der Kreml schafft es aktuell nicht, große Geländegewinne zu erzielen. Deshalb versucht Moskau, die Ukraine personell zu überfordern.
Zu diesem Szenario passen auch die Warnungen aus Kiew. Präsident Wolodymyr Selenskyj weist seit Wochen auf eine wachsende Gefahr aus Belarus hin.
Lukaschenko sitzt in der Falle
Noch vor wenigen Jahren konnte der Kreml seinen militärischen Einfluss auf mehreren Schauplätzen gleichzeitig demonstrieren – in Syrien, in mehreren afrikanischen Staaten und im Südkaukasus. Heute bindet der Krieg gegen die Ukraine den Großteil der militärischen Ressourcen. Moskau muss Prioritäten setzen und sucht nach Möglichkeiten, mit begrenzten Mitteln Fortschritte zu erzielen.
Ausgerechnet Russland, das Belarus jahrzehntelang wirtschaftlich stützte, ist inzwischen in mehrerlei Hinsicht selbst auf seinen kleineren Verbündeten angewiesen. Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien haben etwa dazu geführt, dass Belarus Rekordmengen an Benzin und Diesel nach Russland liefert. Das verändert die Machtverhältnisse zwischen beiden Staaten zwar nicht grundsätzlich. Es zeigt jedoch, wie sehr der Krieg auch Russlands wirtschaftliche Reserven belastet.
Für Alexander Lukaschenko wird die aktuelle Lage zunehmend zum Problem. Der belarussische Machthaber steckt in der Falle: Seit den Massenprotesten von 2020 hängt seine Herrschaft stärker denn je von der politischen und wirtschaftlichen Unterstützung des Kremls ab.
Gleichzeitig weiß er, welchen Preis ein direkter Kriegseintritt hätte. Würden belarussische Soldaten an der Seite Russlands kämpfen oder würde Minsk dem Kreml noch weiter entgegenkommen, könnte das Land selbst zum Ziel ukrainischer Angriffe werden. Und das belarussische Regime fürchtet Aufstände in der eigenen Armee.
Bislang ist Lukaschenko dieser Balanceakt gelungen. Er unterstützt Russland, ohne dass Belarus selbst zur Kriegspartei wird. Doch dieser Spielraum schrumpft. Je länger der Krieg dauert, desto schwieriger dürfte es für Lukaschenko werden, weiteren Forderungen des Kremls auszuweichen. Ausgerechnet die Strategie, mit der er seit Jahren seine Macht sichert – die enge Bindung an Moskau –, könnte nun zu seiner größten außenpolitischen Belastung werden.
Russland kämpft längst auch um Belarus
Lukaschenko ist zunehmend in Bedrängnis – und das beschränkt sich längst nicht mehr nur auf militärische Fragen. Moskau baut seinen Einfluss in Belarus inzwischen auch politisch, wirtschaftlich und kulturell aus. Dieser schleichende Prozess erhält in westlichen Medien weit weniger Aufmerksamkeit als Truppenbewegungen oder Militärmanöver. Für den Kreml ist er jedoch mindestens ebenso wichtig.
Seit den Protesten von 2020 wächst der russische Einfluss auf die belarussische Geschichtspolitik. Wenn Moskau Belarus dauerhaft an Russland binden will, muss es nicht nur die Außenpolitik beeinflussen, sondern auch das Selbstverständnis des Landes. Deshalb beobachten Historiker und Oppositionelle mit Sorge, wie russische Narrative zunehmend die offizielle Erinnerungskultur prägen.
Das Leitbild der sogenannten "Russischen Welt" beschreibt Russen, Belarussen und Ukrainer als Teil einer gemeinsamen Zivilisation. Eigenständige nationale Identitäten erscheinen darin allenfalls als historische Ausnahme.
Diese Entwicklung zeigt sich auch an einem zweiten Trend. Während sich der Staat immer enger an Moskau bindet, siedeln auch immer mehr Russen nach Belarus um. Vielen gilt das Nachbarland als eine Art "besseres Russland": dieselbe Sprache, eine vertraute Kultur und ein Alltag, der trotz autoritärer Verhältnisse freier erscheint als im zunehmend repressiven Russland. Einige fliehen auch aus Angst vor einer weiteren Mobilisierung in das Nachbarland.
In Belarus selbst löst diese Entwicklung erhebliche Sorgen aus. Viele Menschen fürchten eine schleichende Russifizierung ihres Landes. Hier zeigt sich, wie groß das Misstrauen gegenüber den langfristigen Absichten des Kremls in Belarus inzwischen geworden ist. Auch der ukrainische Auslandsgeheimdienst warnt davor, Moskau könne seinen gesellschaftlichen Einfluss langfristig durch verstärkte Migration nach Belarus ausbauen. Ob diese Einschätzung zutrifft, lässt sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.
Für die Nato wächst das Sicherheitsproblem
Wer Belarus ausschließlich als Nebenschauplatz des Ukraine-Krieges betrachtet, greift daher zu kurz. Das Land grenzt unmittelbar an Polen, Litauen und Lettland – drei Nato-Mitglieder an einer der sensibelsten Stellen der Ostflanke. Dort richtet sich der Blick längst nicht mehr nur auf Russland, sondern zunehmend auch auf Belarus.
Dabei geht es nicht allein um die Gefahr einer neuen Front gegen die Ukraine. Polen und die baltischen Staaten werfen Belarus und Russland seit Jahren vor, Migration gezielt als Druckmittel gegen die Europäische Union einzusetzen. Tausende Menschen aus Afrika und Zentralasien werden nach Angaben der Behörden an die EU-Außengrenzen gebracht. Zuletzt entdeckten Grenzschützer in Litauen, Polen und Lettland sogar professionell angelegte Tunnel unter Grenzanlagen. Die Regierungen sprechen offen von hybrider Kriegsführung.
Gerade diese Form der Eskalation bereitet der Nato Sorge. Sabotage, instrumentalisierte Migration, Desinformation oder elektronische Aufklärung bewegen sich bewusst unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Angriffs. Sie erschweren eine klare Reaktion des Bündnisses und erhöhen zugleich den politischen Druck auf die betroffenen Staaten.
Dass deutsche Soldaten heute wenige Kilometer von Belarus entfernt den elektromagnetischen Raum überwachen, ist deshalb weit mehr als eine Vorsichtsmaßnahme. Die Nato bereitet sich auf ein Konfliktbild vor, in dem Eskalation nicht zwingend mit Panzern beginnt.
Ob Lukaschenko Moskau dauerhaft vertrösten kann, dürfte deswegen zu den wichtigsten sicherheitspolitischen Fragen Europas gehören. Scheitert sein Balanceakt, könnte Belarus vom bisherigen Aufmarsch- und Unterstützungsraum selbst zum Kriegsschauplatz werden. Die Folgen würden die Lage an der Nato-Ostflanke noch einmal drastisch verschärfen.


4 weeks ago
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