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Arktis-Streit: Wie Russland Spitzbergen unter Druck setzt | Norwegen

6 days ago 4

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Konflikt um Spitzbergen

"Ich glaube, wir hatten einfach viel Glück"


Aktualisiert am 01.10.2026 - 08:10 UhrLesedauer: 6 Min.

 Die norwegische Region Spitzbergen wird von Russland immer wieder kritisch beäugt.Vergrößern des Bildes

Longyearbyen im Nebel: Die norwegische Region Spitzbergen wird von Russland immer wieder kritisch beäugt. (Quelle: AGAMI/V. Legrand, via www.imago-images.de)

Der Spitzbergenvertrag von 1920 machte den Archipel in der Arktis norwegisch. Bis heute sorgt er für Unstimmigkeiten.

Tobias Schibilla berichtet aus Spitzbergen.

Am 2. September gingen im Hafen von Barentsburg norwegische Beamte an Bord der "Professor Moltschanow". Der Gouverneur von Spitzbergen handelte als Vollstreckungsbehörde: Ein Bezirksgericht hatte dem ukrainischen Energiekonzern Naftogaz das Recht zugesprochen, das russische Schiff mit Arrest zu belegen. Naftogaz fordert 4,22 Milliarden Dollar für Vermögen, das Russland 2014 auf der Krim enteignet hat. 69 gestrandete Russen durften danach über das norwegische Festland zurück nach Russland reisen, das Schiff liegt bis heute fest.

Moskau nannte die Aktion "Piraterie" und bestellte Norwegens Botschafterin Heidi Olufsen ein. In einer offiziellen Erklärung hieß es, russische Firmen und Bürger auf dem Archipel stünden "praktisch unter Blockade". Das sei ein Bruch des Spitzbergenvertrags von 1920.

Dabei ist die Rechtslage seit hundert Jahren eindeutig: Spitzbergen gehört Norwegen. Alle Vertragsstaaten haben das anerkannt, die Sowjetunion 1924. Trotzdem verhält sich Moskau bis heute, als sei die Sache nicht entschieden. Warum das so ist, versteht nur, wer die Geschichte der Inselgruppe rund 600 Kilometer nördlich des norwegischen Festlands betrachtet.

Eystein Markusson, Direktor des Svalbard Museums in Longyearbyen, kennt den häufigsten Irrtum: dass Spitzbergen internationales Gemeinschaftsgebiet sei. "Es ist vollständig Teil des norwegischen Königreichs", sagt der Historiker, Biologe und Ökologe. "Aber dann kommen die Abers."

Denn bis 1925 gehörte Spitzbergen niemandem. Als der Amerikaner John Munro Longyear 1906 die Siedlung anlegte, die heute seinen Namen trägt, gab es weder Polizei noch Gerichte: Wer klärte einen Streit, einen Diebstahl, einen Todesfall? Diese Jahre hätten viele gelehrt, "dass es Polizei brauchte und Richter, um Ansprüche zu klären", sagt Markusson.

Viele Staaten wollten Spitzbergen für sich

Dass Norwegen die Inseln bekam, war nicht ausgemacht. Zwar hatten einzelne Norweger den Archipel bereits in den 1870er-Jahren besiedelt, doch Norwegen steckte in einer Personalunion mit Schweden, das damals für die Außenpolitik verantwortlich war. Erst die Unabhängigkeit im Jahr 1905 änderte das, seitdem kann Norwegen über seine Außenpolitik selbst entscheiden.

Der junge Staat suchte Abgrenzung vom Nachbarn, der Nationalstaat war "die Haute Couture der Politik", wie Markusson sagt. Man erinnerte sich an das mittelalterliche Reich, das von Grönland bis auf die Britischen Inseln gereicht hatte: "Sie wollten Norwegen wieder groß machen."

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Nur erhoben andere Länder auch Anspruch auf Spitzbergen. Ab 1910 verhandelten in Kristiania, dem heutigen Oslo, erst Norwegen, Schweden und Russland, 1914 dann auch Deutschland, Großbritannien, die Niederlande und die USA über eine gemeinsame Verwaltung. Alle Entwürfe sahen vor, dass Spitzbergen Niemandsland bleibt. Norwegen schuf trotzdem Tatsachen: 1916 kaufte ein norwegisches Konsortium mit Unterstützung der Regierung die US-amerikanische Bergbaufirma, die bislang den Bergbau auf Spitzbegen organisierte. Die norwegische Regierung förderte Expeditionen und ermutigte Trapper zum Überwintern.

Zur Person

Eystein Markusson leitet seit knapp fünf Jahren das Svalbard Museum in Longyearbyen, das wichtigste Museum zur Geschichte und Natur Spitzbergens. Von den vergangenen 26 Jahren hat er 13 auf der Inselgruppe gelebt, unter anderem von 2000 bis 2009.

Als die Entscheidung fällt, herrscht in Russland bereits Bürgerkrieg

Die Entscheidung fiel 1919 in Paris: Deutschland saß als Kriegsverlierer nicht am Tisch, Russland versank im Bürgerkrieg. US-Außenminister Robert Lansing stützte den norwegischen Anspruch, die Franzosen ebenso – eine kleine Macht als Verwalterin war den Siegern lieber als eine Großmacht. Norwegen war im Ersten Weltkrieg zwar neutral geblieben, hatte seine Handelsflotte aber unter schweren Verlusten für die Alliierten fahren lassen. "Da war auch ein bisschen Handschlag dabei: Danke für Ihre Dienste", sagt Markusson.

Am 9. Februar 1920 wurde der Spitzbergenvertrag schließlich unterzeichnet, 1925 trat er in Kraft. Er spricht Norwegen die "volle und uneingeschränkte Souveränität" zu. Bürger und Firmen aller Vertragsstaaten dürfen gleichberechtigt siedeln, fischen und Bergbau treiben; Norwegen darf keine Marinebasis und keine Befestigung errichten, das Gebiet darf "niemals zu kriegerischen Zwecken benutzt werden". So steht es in Artikel 9 des Spitzbergenvertrags. Mehr als 40 Staaten traten bei, Deutschland unterzeichnete 1925.

Genau hier liegt der Schlüssel zur russischen Präsenz auf dem Archipel. Der Vertrag erlaubt Firmen aller Vertragsstaaten, dort Land zu besitzen und Kohle abzubauen – so wie ein Deutscher heute eine Hütte in Norwegen kaufen kann, ohne dass ein Stück Deutschland entsteht. Barentsburg gehörte einer niederländischen Gesellschaft; als die Kohlepreise fielen, verkaufte sie 1932 an den sowjetischen Staatstrust Arktikugol. Den Bergbauort Pyramiden hatte Moskau 1927 von den Schweden gekauft, 1935 trat es dem Vertrag bei. Norwegisches Recht galt in beiden Orten von Anfang an.

Norwegen hätte die Inselgruppe fast teilen müssen

Auf dem Papier hat Russland also keine Sonderrechte. Das US-Magazin "Responsible Statecraft" schrieb Anfang September dennoch, der Vertrag gewähre Russland "besondere Rechte". Markusson widerspricht: "Die Russen haben keine anderen Rechte als ein Deutscher." Besonders sei etwas anderes: Dem russischen Staatskonzern Arktikugol gehörten hier zwei Städte, und Russland seien schlichtweg vor Ort. In der Praxis schafft Anwesenheit Tatsachen – Kraftwerk, Hubschrauber, Schiffe, Kais, Minen, dazu ein russisches Generalkonsulat. "Durch diese Präsenz haben sie eine besondere Position", sagt Markusson.

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Einmal stand diese Präsenz kurz davor, zur Mitherrschaft zu werden. Im November 1944 eröffnete der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow dem norwegischen Exil-Außenminister Trygve Lie in Moskau, der Vertrag könne so nicht bestehen bleiben. Die Forderung war zweigeteilt: Über Spitzbergen sollten beide Länder künftig gemeinsam herrschen, die Bäreninsel – auf halbem Weg zum Festland gelegen, aber im Vertrag ausdrücklich Teil des Gebiets – solle ganz an die Sowjetunion fallen.

"Norwegen war sehr nah dran, Spitzbergen mit der Sowjetunion teilen zu müssen", sagt Markusson. Die Rote Armee hatte im Herbst 1944 die Finnmark erreicht, die Nordspitze des Festlands, und blieb dort ein Jahr. Im April 1945 bot die Exilregierung Moskau schriftlich an, die Verteidigung Spitzbergens als "gemeinsame Angelegenheit" beider Länder zu behandeln.

Dann endete der Krieg, und die Lage drehte sich. Die neue Regierung in Oslo rückte von dem Angebot ab, der Kalte Krieg begann, und Moskau wollte Norwegen nicht in die Arme der USA treiben. Am 15. Februar 1947 zog das Storting einen Schlussstrich: Zweiseitige Verhandlungen über die Verteidigung Spitzbergens seien mit Norwegens UN-Mitgliedschaft nicht vereinbar. Moskau kam auf die Forderung nie wieder zurück. "Ich glaube, wir hatten Glück", sagt Markusson.

Ein Schneemobil gegen fünf Hubschrauber

Der Schreck saß tief. Norwegen trat 1949 der Nato bei, erlegte sich aber Zurückhaltung auf: keine fremden Stützpunkte in Friedenszeiten, keine alliierten Manöver nahe der sowjetischen Grenze. Auf Spitzbergen blieb die Präsenz noch dünner. "Der Gouverneur und seine Frau und manchmal ein Wachtmeister, das war's", sagt Markusson. Norwegen hatte ein Schneemobil oder ein Hundegespann, die Sowjets fünf Hubschrauber.

In den sowjetischen Siedlungen lebten im Kalten Krieg etwa doppelt so viele Menschen wie auf norwegischer Seite – und trotzdem passierte nichts. Beide Seiten förderten ungefähr gleich viel Kohle, rentabel war die sowjetische Produktion kaum. Das Svalbard Museum nennt zwei Erklärungen dafür, dass Russland weiterhin auf Spitzbergen bleibt: Barentsburg und Pyramiden galten als sozialistische Prestigeprojekte und als Standbein für den Kriegsfall. Loszuschlagen lohnte sich nicht: Ein Stützpunkt so weit im Norden verschlingt Ressourcen, und er hätte, wie Markusson sagt, "etwas eskaliert". Die Präsenz selbst war der Zweck.

Diese Logik hat den Kalten Krieg überlebt. Seit der Annexion der Krim 2014 zieht Norwegen die Zügel an: Grundstücksverkäufe an Ausländer werden seitdem von Oslo blockiert, das kommunale Wahlrecht wurde eingeschränkt, fast der gesamte Boden gehört dem Staat. Russland wirft Norwegen Diskriminierung vor.

In Barentsburg rollte 2023 eine Parade zum Sieg über Nazideutschland durch den Ort, begleitet von einem tief fliegenden Militärhubschrauber; in Pyramiden ließen russische Stellen ohne Genehmigung ein riesiges orthodoxes Kreuz errichten. Seit 2025 fährt ein Linienschiff von Murmansk nach Barentsburg – auf der Strecke konnten Russen visafrei nach Spitzbergen reisen, denn Spitzbergen liegt außerhalb des Schengen-Gebiets. Das Schiff auf dieser Linie war die "Professor Moltschanow".

Museumsdirektor: Das ist eine Zeitenwende

Moskau beruft sich dabei gern auf den "Geist" des Vertrags, so wie schon 2017 gegen ein Nato-Seminar in Longyearbyen. Markusson kann damit wenig anfangen: "Ich bin nicht das russische Außenministerium." Für Norwegen zähle die Gewaltenteilung: Ein Gericht hat das Schiff arrestiert, die Regierung darf sich nicht einmischen – "das wäre ein klarer Bruch unserer demokratischen Prinzipien". Am 18. September erließ Oslo dennoch im Eilverfahren eine Verordnung, die Pfändungen dort erschwert, wo Versorgungslinien betroffen sind.

Im Sommer 2025 schloss Norwegen seine letzte Kohlegrube. Gäbe es einen Museumsraum über die 2020er-Jahre, würde Markusson dort dieses Datum in den Fokus rücken: "Wie sagt man auf Deutsch: Zeitenwende?" Die Kohle, die vor hundert Jahren über die Ansprüche auf Spitzbergen entschied, fördert heute nur noch ein Akteur: Russland, in Barentsburg. Dort liegt auch die "Professor Moltschanow" – bis ein norwegisches Gericht anders entscheidet.

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