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Angriffe auf Wildberries: Jetzt ist Putins Krieg in den Warenkörben

1 week ago 3

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Angriffe auf "russisches Amazon"

Dieser Schlag sitzt tief


03.08.2026 - 17:32 UhrLesedauer: 6 Min.

Putin ist auf die Hilfe von Staaten wie Nordkorea oder China dringend angewiesen.Vergrößern des Bildes

Wladimir Putin: Russland findet noch kein Mittel gegen die ukranischen Drohnen- und Raketenangriffe. (Quelle: Sputnik/Alexander Kazakov/Pool via REUTERS)

Die Ukraine zerstört systematisch Lager des Onlinehändlers Wildberries. Damit attackiert Kiew nicht nur Russlands Kriegslogistik – sondern auch Wladimir Putins politisches Versprechen von Sicherheit und Normalität.

Zunächst ist nur das Summen zu hören. Dann schlägt die Drohne in das riesige Lagerhaus ein. Wenige Sekunden später steigen dichte schwarze Rauchwolken über dem Logistikzentrum des russischen Onlinehändlers Wildberries auf. Wo kurz zuvor noch Waschmittel, Kleidung, Smartphones, Katzenfutter und Kinderspielzeug lagerten, bleiben ausgebrannte Stahlträger zurück.

Am Wochenende wiederholten sich diese Bilder an mehreren Orten in Russland. Am Montag meldete Wildberries auch einen Brand in einem Logistikzentrum in der Region Wladimir. Das Lager sollte auf eine Fläche von 175.000 Quadratmetern erweitert werden und von dort aus Moskau, Zentralrussland sowie den Nordwesten des Landes versorgen. Zuvor waren bereits Anlagen unter anderem in Elektrostal, Kotowsk, Krasnodar, Rjasan, Pensa, Wolgograd, Sankt Petersburg und im weit von der ukrainischen Grenze entfernten Sarapul getroffen worden.

Im Video | Wildberries again.

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Mitte Juli hat die Ukraine eine neue Phase im Drohnenkrieg gegen Russland gestartet. Kiew attackiert längst nicht mehr nur russische Raffinerien, Treibstofflager, Rüstungsfabriken oder Militärflugplätze. Nun geraten Hallen ins Visier, in denen Katzenfutter neben Tarnanzügen, Zahnpasta neben Drohnenteilen und Kopfkissen neben Schutzwesten liegen. Der offizielle Grund: Russlands Kriegslogistik soll gestört werden. Doch das greift zu kurz.

Denn die Ukraine versucht, den politischen und wirtschaftlichen Preis des Krieges für Wladimir Putin zu erhöhen – und den Kreml so an den Verhandlungstisch zu zwingen. Der Zeitpunkt ist dabei kaum zufällig gewählt. Nur wenige Wochen vor der Duma-Wahl erreicht der Krieg nun noch mehr den Alltag von Millionen Russen.

Schlag gegen russischen Onlinehandel

Wildberries ist weit mehr als das "russische Amazon". Es ist der größte Online-Marktplatz Russlands, rund die Hälfte des gesamten Onlinehandels des Landes läuft über die Plattform. Hunderttausende kleine und mittlere Unternehmen verkaufen dort ihre Waren, Millionen Russen bestellen täglich Kleidung, Elektrogeräte oder Haushaltsartikel. Kaum ein anderes Unternehmen reicht so tief in den Alltag der russischen Bevölkerung hinein.

Zudem ist das Unternehmen bis in die russische Provinz vernetzt, es unterhält Zehntausende Ausgabestellen. Millionen Kunden nutzen die Plattform, weil sie auch in Regionen Waren verfügbar macht, in denen der stationäre Handel nur ein begrenztes Angebot hat. Fällt dieses Netz aus oder wird es unzuverlässiger, ist Putins Krieg nicht mehr abstrakt. Dann liegt er im Warenkorb vieler Russen.

Die Ukraine beschädigt so eine der wichtigsten Erzählungen des Kremls. Wladimir Putin ist es in den vergangenen viereinhalb Jahren gelungen, den Krieg für einen Großteil der russischen Bevölkerung auf Distanz zu halten. Während an der Front gekämpft und gestorben wurde, funktionierte das Leben in Moskau, Sankt Petersburg oder Kasan weitgehend normal. Restaurants waren voll, Einkaufszentren geöffnet, Pakete wurden pünktlich geliefert. Der Krieg spielte sich für viele Russen weit entfernt ab. Der Kreml verlangt Loyalität, bietet dafür aber ein Stück Normalität.

Genau das versucht die Ukraine aufzubrechen, um den Druck auf Moskau zu erhöhen.

Umstrittene Attacken

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj begründet die Angriffe damit, dass die Logistikzentren auch dem russischen Militär dienen. Über Wildberries werden Produkte angeboten, die an der Front eingesetzt werden können: Glasfaserkabel zur Steuerung von Drohnen, elektronische Komponenten, Helme, Schutzwesten und Ausrüstung für Soldaten.

Nach den ersten Angriffen verschwanden auf der Plattform sogar bestimmte Suchergebnisse mit einem direkten Bezug zu Russlands sogenannter militärischer "Spezialoperation". Andere militärisch nutzbare Produkte blieben jedoch erhältlich.

Im Video | Angriffe reißen Milliardenloch in Russland

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Das macht die Lager allerdings nicht automatisch zu militärischen Zielen. Wildberries verkauft vor allem zivile Waren. Der Anteil der Produkte, die unmittelbar für den Krieg bestimmt sind, dürfte vergleichsweise gering sein. Auch deshalb sind die Angriffe unter Völkerrechtlern umstritten. Bei den ersten großen Attacken in Elektrostal und Kotowsk wurden nach Angaben russischer Behörden mehrere Menschen getötet und Dutzende verletzt.

Russland selbst greift seit Jahren ukrainische Post- und Logistikunternehmen an. Moskau rechtfertigt solche Attacken ebenfalls damit, dass über die betroffenen Firmen Waren für die ukrainische Armee transportiert würden. Kiew übernimmt nun diese Argumentation und wendet sie gegen den Aggressor.

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Wildberries' Stärke wird zur Schwäche

Die Ukraine folgt mit den Angriffen auf Wildberries einer ähnlichen Strategie wie bei den Attacken auf russische Raffinerien. Es geht nicht allein darum, Treibstoff zu zerstören und Russland wirtschaftlich zu schwächen. Es ist für Kiew wichtig, dass Benzin knapper wird, Preise steigen und plötzlich auch Menschen fernab der Front die Folgen des Krieges spüren.

Es geht der Ukraine aber nicht nur darum, Kriegslogistik zu zerstören und den Krieg nach Russland zu bringen – Wildberries markiert auch eine wirtschaftliche Schwachstelle Russlands. Anders als klassische Einzelhändler verkauft das Unternehmen überwiegend nicht auf eigene Rechnung. Hunderttausende kleinere Firmen lagern ihre Produkte in den riesigen Hallen des Konzerns. Wildberries übernimmt Aufbewahrung, Sortierung, Versand und Rücknahme.

Genau diese Konzentration macht das Unternehmen so erfolgreich. Nun wird eben das zu seiner größten Schwäche. In einem einzigen Logistikzentrum liegen Waren von Tausenden Händlern dicht nebeneinander. Pappe, Plastik, Textilien, Holz und leicht entzündliche Produkte führen dazu, dass sich Brände rasch ausbreiten können. Wenige Drohnen reichen im für den Kreml schlimmsten Fall, um auf Hunderttausenden Quadratmetern Werte zu vernichten, die deutlich höher sind als die Kosten für die von der Ukraine eingesetzten Fluggeräte.

Konzern steuert auf schwere Krise zu

Schätzungen über das Ausmaß der Schäden gehen auseinander, zumal fast täglich neue ukrainische Angriffe hinzukommen. Russische und internationale Medien berichteten zuletzt von mehr als einer Million Quadratmetern betroffener Lagerfläche. Der Wert der zerstörten Gebäude soll sich auf Hunderte Millionen Euro belaufen, der Wert der darin gelagerten Waren auf deutlich mehr als eine Milliarde Euro. Solche Angaben lassen sich im laufenden Krieg nur schwer unabhängig überprüfen. Klar ist aber: Die Serie trifft Wildberries an einem empfindlichen Punkt.

Denn der Konzern hat seine Expansion mit hohen Schulden finanziert. Er baute neue Lager, gründete eine Bank, kaufte weitere Unternehmen und wollte über Russland hinaus wachsen. Zu den wichtigsten Geldgebern gehört die staatlich kontrollierte VTB, die zweitgrößte Bank des Landes.

Laut Medienberichten sollen sich die Verbindlichkeiten der Wildberries-Mutter Ende 2025 auf mehr als 14 Milliarden Euro belaufen haben, davon mehr als 5,4 Milliarden Euro bei der VTB.

Damit entsteht ein gefährlicher Kreislauf. Werden Lager zerstört, verliert Wildberries Kapazitäten und Einnahmen. Muss der Konzern zugleich Händler entschädigen, steigt sein Finanzbedarf weiter. Gerät das Unternehmen in Schwierigkeiten, geraten auch seine Kreditgeber unter Druck. Helfen Staatsbanken, übernimmt am Ende der russische Staat einen Teil des Schadens. Aus dem gefeierten Hoffnungsträger würde dann ein weiterer Kostgänger des Krieges.

Dilemma für den Kreml

Wladimir Putin steckt dadurch gleich aus mehreren Gründen in einer Zwickmühle. Der Kreml hat Wildberries lange als Symbol dafür präsentiert, dass sich Russland trotz westlicher Sanktionen wirtschaftlich entwickeln könne. Die Verbindung von Handel, eigener Bank und einem vom westlichen Zahlungssystem unabhängigen Bezahlnetz passte in seine Erzählung: Russland werde nicht isoliert, sondern schaffe seine eigenen wirtschaftlichen Strukturen.

Das gerät ins Wanken. Russische Medien berichten bereits über Gespräche im Kreml, wie das Unternehmen unterstützt werden könnte. Sollte der Staat tatsächlich einspringen müssen, wäre das genau der Effekt, den Kiew erreichen will. Die Ukraine würde Russland dazu zwingen, immer mehr Ressourcen nicht nur für den Krieg selbst, sondern auch für dessen wirtschaftliche Folgen aufzubringen.

Noch problematischer für den Kreml sind jedoch die Hunderttausenden Unternehmer, die über die Plattform verkaufen. Viele von ihnen sind kleine Händler. Werden ihre Bestände zerstört, verlieren sie nicht nur künftige Einnahmen, sondern auch ihre Kredite bleiben bestehen. Zahlreiche Betroffene klagen bereits in den sozialen Netzwerken, dass die angebotenen Entschädigungen nur einen Bruchteil ihrer Verluste abdeckten. Einige fordern Steuererleichterungen und Zahlungsaufschübe bei Banken.

Für den Kreml ergibt sich daraus ein Dilemma. Rettet er nur den strategisch wichtigen Konzern und die beteiligten Staatsbanken, fühlen sich die Kleinunternehmer im Stich gelassen. Entschädigt er auch sie umfassend, steigen die Kosten für den Staat erheblich.

Ergo: Tut er zu wenig, drohen Insolvenzen, Kredit- und Steuerausfälle. Tut er viel, beweist er, dass die ukrainischen Drohnen den russischen Staat zu immer neuen Ausgaben zwingen können.

Duma-Wahl in Russland

Diese Effekte sind wenige Wochen vor der Duma-Wahl besonders brisant. Russland wählt vom 18. bis zum 20. September ein neues Parlament. Ein wirklicher Machtwechsel ist kaum zu erwarten. Der politische Wettbewerb ist eingeschränkt, ein großer Teil der Opposition wurde zerschlagen, ins Exil gedrängt oder durch die Justiz ausgeschaltet. Putins Partei Einiges Russland kann erneut mit einer dominierenden Stellung rechnen.

Trotzdem sind Wahlen für den Kreml nicht bedeutungslos. Sie sollen Geschlossenheit demonstrieren, Zustimmung organisieren und den Eindruck vermitteln, dass Putins System stabil bleibt. Besonders die Wahlbeteiligung und das Ergebnis der Regierungspartei werden zu politischen Kennzahlen, an denen regionale Verantwortliche gemessen werden.

Eine Insolvenzwelle oder gar eine handfeste Wirtschaftskrise passt nicht in diese Inszenierung. Zumal Putin eigentlich eine Mobilisierung benötigt, um seinen Ukraine-Krieg in der aktuellen Intensität weiterführen zu können. Das alles wird zu weiterem Unmut in der russischen Bevölkerung führen. Und den kann sich Putin eigentlich nicht leisten.

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