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Weidel zieht neue Saiten auf
Aktualisiert am 05.07.2026 - 06:04 UhrLesedauer: 7 Min.

Tino Chrupalla, Alice Weidel: Die Zeit der Freundlichkeiten ist vorbei. (Quelle: Thilo Schmuelgen/reuters)
Alice Weidel baut sich in Erfurt ihren Wunschvorstand zusammen: sehr viel jünger und ein Stück weit radikaler. Für Tino Chrupalla ist Platz. Noch.
Es ist Samstagabend, stundenlang hat die AfD Posten besetzt. Jetzt hat sie einen neuen Bundesvorstand. Wie die Wahl gelaufen ist? Alice Weidels wichtigster Strippenzieher, Sebastian Münzenmaier, steht im Pressebereich und braucht nur zwei Worte, um diese Frage zu beantworten. "Sehr gut." Mehr sagt Münzenmaier nicht. Die Ergebnisse sprechen für sich.
Weidel hat sich in den vergangenen Stunden mithilfe von Münzenmaiers Netzwerk ihren Wunschvorstand zusammengebastelt. Es war eine deutliche Demonstration ihrer Macht. Auch und gerade gegen ihren Co-Chef Tino Chrupalla. Entstanden ist so der Vorstand, der die AfD auf die Bundestagswahl 2029 vorbereitet und damit auf Weidels großen Moment: ihre Kanzlerkandidatur. So jung wie nie – und ein Stück weit radikaler als der vorige.
Weidel ist jetzt gewappnet, auch für den Fall von vorgezogenen Neuwahlen. In der Parteizentrale hat sie von nun an vorwiegend loyale Unterstützer unter sich. Oder wenigstens solche, die ihr einen großen Karrieresprung zu verdanken haben. Weidel hat im wichtigsten Organisationsgremium der AfD so keine innerparteilichen Störfeuer mehr zu fürchten. Und wichtiger: Sie hat freie Hand, ihren Wahlkampf zu gestalten. "Seid gespannt!", hat sie den 600 Delegierten in der Erfurter Messehalle schon am Mittag von der Bühne zugerufen. "Wir arbeiten bereits daran!"
Chrupalla bleibt Co-Chef an Weidels Seite. Vorerst. Doch kein anderer aus seinem Lager hat den Sprung in den Vorstand geschafft. "Sehr gut" sind nicht die Worte, die man von seinen Unterstützern hört. Im Gegenteil. Einer, der seinen Namen lieber nicht lesen will, schätzt diesen Samstag ehrlich ein: "Das war ein Schlachtfest." Ein Gemetzel also. Und zwar mit den Kandidaten aus dem Chrupalla-Lager als Opfer.
Dass Chrupalla selbst diesem politischen Gemetzel nicht zum Opfer gefallen ist, dürfte nicht zuletzt den im Herbst anstehenden Ost-Landtagswahlen geschuldet sein. Sich jetzt schon des Sachsen Chrupalla zu entledigen – das wäre strategisch einfach nicht geschickt. Das Münzenmaier-Netzwerk vermeidet solche Fehler. Es ist eine seiner Stärken. Doch Chrupalla ist jetzt alleine an der AfD-Spitze, umgeben von vielen Weidel-Verbündeten.
Weidel verzeiht Betrug nicht
Das "Schlachtfest" hat eine lange Vorgeschichte. Und sie verrät viel über Alice Weidel, ihr Verhältnis zu Tino Chrupalla und wie man in der AfD an der Spitze bleibt.
Bei der letzten Bundesvorstandswahl 2024 in Essen erhielt Weidel überraschend ein schlechteres Ergebnis als Chrupalla. Die Differenz betrug nur ein paar Stimmen. Doch Weidel galt schon da als unangefochtene Nummer eins der AfD und hatte Chrupalla im Vorfeld gestützt, beworben, noch am Bundesparteitag öffentlich mit Freundlichkeiten überhäuft.
Weidel und Chrupalla hatten sich da schon in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Chrupalla, der einst als "Flügel"-Mann startete, warb für Mäßigung, eine Annäherung an die CDU und hatte entsprechende Verbündete. Der Ost-Chef der AfD wird auf seinem Posten hauptsächlich von West-Verbänden gehalten. Weidel hingegen, die einst ein Parteiausschlussverfahren gegen Björn Höcke unterstützte, war damals schon strategisch mit dem Höcke-Flügel eng verbunden. Ihr Münzenmaier-Netzwerk arbeitet auch heute noch gut und gern mit ihm zusammen.
Nach dem Essener Parteitag und dem überraschend schlechten Ergebnis für Weidel recherchierte das Team der AfD-Chefin und hegte rasch einen Verdacht: Chrupalla und seine Anhänger hätten heimlich dafür geworben, dass mancher den Daumen bei Weidel senkte. Nicht, um sie abzuwählen. Sondern, um im direkten Vergleich zu ihr besser dazustehen. Chrupalla bestritt das vehement, als der "Spiegel" darüber berichtete. So wie jeder andere, der beteiligt gewesen sein soll. Strategische Weitsicht aber ist tatsächlich nicht Chrupallas Stärke.
Sollte Chrupalla an einer Nein-Stimmen-Kampagne beteiligt gewesen sein, so dürfte er es heute allerdings bitter bereuen. Denn er hätte die Hölle entfesselt, aus einem banalen Grund: Weidel glaubt sein Dementi offensichtlich nicht. Sie hat ohnehin den Ruf, manchmal wegen Kleinigkeiten sehr hart durchzugreifen. Doch betrogen zu werden – das dürfte sie nicht verzeihen. Vor allem nicht von jemandem, der schwächer ist als sie, der eigentlich auf ihre Hilfe angewiesen ist.
Diese Härte ist eine Eigenschaft, die Weidel, eine lesbische Frau, in einer harten Rechtsaußen- und Männer-Partei wie der AfD entgegen aller Wahrscheinlichkeiten schon lange oben an der Spitze hält. Viele der Männer unter ihr fürchten sie: Wenn Weidel ruft, stehen sie stramm. Wenn Weidel schreit, verstummen sie. Wenn Weidel genervt aus dem Raum stürmt, diskutieren sie danach lange: Was tun? Was will die Chefin? Wie kann man ihr wieder gefallen?
Öl ins Feuer: Stellvertreterkriege in den Landesverbänden
Nach dem Essener Parteitag fingen Weidel und Chrupalla an, sich hinter den Kulissen zu bekriegen. Erst unauffällig, dann immer offensichtlicher.
In Nordrhein-Westfalen, einem zutiefst zwischen zwei Lagern zerrissenen AfD-Landesverband, unterstützte Chrupalla den gemäßigter auftretenden Landeschef Martin Vincentz. Weidel aber unterstützte ihren Freund Sven Tritschler und damit mittelbar den Höcke-Mann Matthias Helferich, den Vincentz eigentlich wegen rechtsextremistischer Ausfälle aus der Partei werfen wollte. Und Weidel machte Tritschler und Helferich mit ihrem Zuspruch stark. Die Bundeschefs also schlichteten den Streit in einem ihrer größten Landesverbände nicht. Sie versuchten nicht zu vermitteln. Sie gossen von zwei Seiten Öl ins Feuer.
Als die Vetternwirtschaftsaffäre die AfD durchschüttelte, kritisierte Chrupalla öffentlich den Landesverband Sachsen-Anhalt, der Weidel nahesteht. Weidel hingegen drang im Bundesvorstand auf Aufklärung im Landesverband Niedersachsen, der ebenso betroffen war und einer der wichtigsten Unterstützer von Chrupalla ist.
Weidels finaler Schlag: der Rohrböck-Beschluss
Kurz vor dem Parteitag in Erfurt holte Weidel dann zum finalen Schlag aus: Sie drang im Bundesvorstand auf ein politisches Kontaktverbot zu Tom Rohrböck. Er ist ein Geschäftsmann und Politikberater, dessen Methoden mit "dubios" untertrieben beschrieben sind. Seit Jahren treibt er in der AfD sein Unwesen, viele Mandatsträger haben zu ihm Kontakt, früher ließ sich auch Weidel von ihm beraten. Doch seine Ziele sind undurchsichtig. Zuletzt sagte er der "Bild"-Zeitung, er sei "Söldner", arbeite für ein "Konsortium", lasse sich von Unternehmen aus dem Ausland anheuern, die vermutlich mit Nachrichtendiensten arbeiteten.
Rohrböck ist ein wahres Problem für die AfD – und steht immer auch für Verschwörungstheorien. Ein Name, größer als ein Mann. Ein Phantom, mit dem sich Angst machen und Politik betreiben lässt.
Weidel nutzte dieses Phantom, um kurz vor dem Bundesparteitag einen strategischen Schuss in Chrupallas Lager abzugeben. Denn Chrupallas gemäßigte Unterstützer, in NRW ebenso wie in Niedersachsen oder Bayern, stehen in der Partei teils im Ruf, Rohrböcks Dienste intensiv zu nutzen.
Im Bundesvorstand unterstützte Chrupalla den Rohrböck-Kontaktverbots-Beschluss. Was blieb ihm auch anderes übrig? Doch er musste wissen, was das für den Parteitag bedeutet: Die Kandidaten, die sein Lager in den Vorstand bringen wollte, waren damit reihenweise markiert und von vornherein geschwächt.
Gespräche mit der Gegenseite
In der Vorbereitung auf den Parteitag in Erfurt an diesem Wochenende führte Chrupallas Netzwerk vorab Gespräche mit dem Münzenmaier-Netzwerk. Doch von einer beidseitigen Kompromisssuche konnte nicht wirklich die Rede sein. Bewegen mussten sich immer wieder: Chrupallas Verbündete. So tauschten die zum Beispiel noch in dieser Woche einen Kandidaten aus Niedersachsen aus, weil die Vorbehalte in anderen Landesverbänden zu groß waren. Ein zentraler Grund: seine behauptete Nähe zu Rohrböck.
Am Ende aber ging es Chrupallas Verbündeten zu weit. Wenigstens in ein paar Wahlgängen wollte man eigene Kandidaten schicken. Gegenkandidaten zu Weidels Kandidaten. Also: Konkurrenz.
Es ging nicht gut für sie aus. Nach der Wahl von Weidel und Chrupalla folgte rasch eine Position nach der anderen, die in Weidels Sinne besetzt wurde. Mit den drei Vizechefs fing es an: Da gewann erst der NRW-Landtagsabgeordnete Sven Tritschler, der enge Vertraute der AfD-Chefin aus NRW, eine Kampfkandidatur gegen den bisherigen Bundesvorstand Kay Gottschalk. Dann wurden Stefan Möller, Co-Landeschef in Thüringen, und Katrin Ebner-Steiner, Höcke-Anhängerin in Bayern, ohne Gegenkandidaten gewählt. Drei Neulinge im Bundesvorstand, im Sinne Weidels und auch Höckes.
Nach der Schatzmeisterwahl sind die Verhältnisse klar
Und so geht es am Samstag immer weiter. Beim Posten des Schatzmeisters fordert der Bundestagsabgeordnete Hannes Gnauck den bisherigen Amtsinhaber Carsten Hütter heraus. Es ist das für die Weidel-Seite schwierigste Duell. Denn beide Kandidaten sind zwar beliebt, Gnauck aber hat wenig Erfahrung in Finanzen. Hütter hingegen war früher Unternehmer und ist bereits seit sechs Jahren Schatzmeister der AfD. Er hat in der Zeit viele Spenden eingetrieben und der AfD eine umstrittene, aber einkömmliche neue Geldquelle erschlossen: Die Partei wirbt seit einer Weile bei Älteren darum, dass sie ihr Erbe an sie vermachen.
Gnauck sagt in strammem Ton: Er will führen. Und er glaube, er könne es besser. Hütter sagt: "Vertrauen Sie darauf, wenn der Karren schwer zu ziehen ist, dann holt man den alten Ackergaul aus dem Stall und nicht das junge Turnier-Pferd."
Drei Wahlgänge braucht es. Zweimal holt keiner der beiden die notwendige Mehrheit. Keines der beiden Netzwerke will bei diesem Duell aufgeben – zu wichtig ist der Posten des Schatzmeisters, zu stark der jeweilige Kandidat. Vertreter beider Lager kommen in einem Gang in der Halle zusammen: Der niedersächsische Landeschef Ansgar Schledde diskutiert mit Münzenmaier und dessen Vertrautem Damian Lohr. Weidel greift zum Handy.
Alle, die gerade draußen Bratwurst essen, quatschen oder rauchen, werden jetzt mobilisiert. Und das Münzenmaier-Netzwerk ist geschickter darin: 289 Stimmen, also 50,97 Prozent, holt Gnauck am Ende im dritten Wahlgang. Hütter muss mit 254 Stimmen die Segel streichen.
Danach sind die Verhältnisse klar: Auch mit einem vergleichsweise starken Kandidaten wie Hütter hat das Chrupalla-Netzwerk keine Chance. Weitere, eigentlich geplante Kampfkandidaturen werden gar nicht erst gesucht – man will die eigenen Kandidaten nicht ohne Not demütigen.
Ein neuer Tiefpunkt
Den AfD-Bundesvorstand hat Weidel mit diesem Samstag erheblich verändert. Der Altersschnitt ist in dem Gremium um neun Jahre gesunken: Betrug er zuvor 53 Jahre, sind es jetzt nur noch 44. Von manchen heißt es: Das sei irre, die Neuen wüssten gar nicht, worauf sie sich einließen. Weidel riskiere damit zu viel. Von anderen heißt es: Die arbeiteten sich schon ein. Und das schnell.
Grundlegend verändert hat sich auch das Verhältnis zwischen Weidel und Chrupalla. Die Zeit der Freundlichkeiten ist vorbei. Gegen 22 Uhr stehen beide AfD-Chefs vor Kameras, hinter sich die leere Erfurter Messe, mit Knopf im Ohr, im Scheinwerferlicht. Weidel wartet auf die Live-Schalte in die ZDF-Nachrichten, Chrupalla wartet keine zehn Schritte entfernt auf die Schalte mit der ARD.
Weidel scherzt selbstbewusst mit Außenstehenden und unterhält sich mit ihrem Sprecher. Chrupalla steht still da und starrt ins Leere. Erst Sekunden, bevor er live geschaltet wird, setzt er ein Lächeln auf. Ob es jetzt eine neue Hackordnung an der Spitze der AfD gebe, fragt der ZDF-Moderator Chrupalla. Das sei die Konsequenz einer Doppelspitze, sagt Chrupalla. "Man wechselt sich in den Siegen eben ab."
Es darf bezweifelt werden, dass das Weidels Plan ist. Wahrscheinlicher ist: Chrupallas Zeit ist abgelaufen. Und die Zeit für eine Einerspitze, von der so viele in der AfD schon so lange träumen, ist gekommen – mit Weidel als alleiniger Chefin, unterstützt von Münzenmaier als Generalsekretär.
Fraglich ist, ob es noch volle zwei Jahre bis zur nächsten regulären Vorstandswahl braucht.
Verwendete Quellen
- Eigene Recherchen, auch auf dem Bundesparteitag der AfD in Erfurt
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